Eva Demski

Hat Eva Demski RAF-Munition in den Main gekippt? Wir werden es wohl auch nach dem Lesefestival "Frankfurt liest ein Buch" nicht wissen. Denn ihr Roman "Scheintod" über die 12 Tage nach dem Tod eines RAF-Strafverteidigers, der starke Ähnlichkeiten mit Reiner Demski hat, ist ein raffiniertes Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion. Sie hören zwölf Auszüge aus der ebenso kunstvollen wie köstlichen Maskerade – gelesen von Constanze Becker.

1974 starb der Strafverteidiger Reiner Demski im Alter von 30 Jahren. "Da war ich eine sehr junge Witwe", erzählt Eva Demski rückblickend. "Obwohl wir getrennt gewesen waren, waren wir sehr eng." Zehn Jahre habe sie gebraucht. Ihre ersten beiden Bücher mussten entstehen, Filme für den Hessischen Rundfunk. Dann erst wusste sie: "Jetzt ist das Material hart genug, jetzt bin ich distanziert genug, jetzt will ich seine Geschichte aufschreiben."

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7.6. - 22.6.2021 (12 Folgen)
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1984 veröffentlichte die Schriftstellerin erstmals den Roman "Scheintod". Sie verdichtet darin die letzten zwölf Tage nach dem Tod eines Anwalts aus der linken Szene bis zu dessen Beerdigung. Tag für Tag, Kapitel für Kapitel entwirft sie das Bild "eines katholischen SDSlers, eines linken Hedonisten, eines homosexuellen Ehemanns, eines Anwalts, der mit der Robe demonstrieren geht", wie es der Frankfurter Literaturwissenschaftlers Wolfgang Schopf formuliert. Kurz: "eines prinzipientreuen Anarchisten".

Zum Lesefestival "Frankfurt liest ein Buch" erscheint die mittlerweile siebte Neuausgabe des Romans im Insel Verlag, versehen mit einem Nachwort von Wolfgang Schopf. Er äußert eine Vermutung, warum der eigentlich Zeit- und Ortsbezogene Roman ein Longseller werden konnte: "Es geht darin um die letzten Dinge: Es geht um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Freiheit und Verantwortung, es geht um eine große Liebe, und es besticht dadurch, dass kein Klischee erfüllt wird."

Denn neben der wunderbar schillernden Hauptfigur hebt Demski noch ein ganzes Figurentheater auf die Bühne ihres Romans: Da ist der Pflanzenbefreier Christoph Koblenz, der den Anblick sterbender Topf-Pflanzen nicht ertragen kann und sie deshalb massenhaft aus Läden und Supermärkten mitgehen lässt; da ist das frühere Heimkind Martina, die jetzt ein stolzer Vater ist und einen Bratwurststand führt; oder auch der melancholische Pfarrer Lächler, der mit der Beerdigung des ebenso katholischen wie anarchistischen Verstorbenen völlig überfordert scheint.

Die Schauspielerin Constanze Becker hat den Roman für hr2-kultur gelesen und hatte ihre Freude daran.

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„Es ist deswegen schön, weil diese Menschen nicht überzeichnet sind, sie sind teilweise extrem und absurd, aber ich kenne solche Menschen, ich habe nie das Gefühl, dass das Kunstfiguren sind, sondern es sind eben Menschen in ihren Seltsamkeiten.“ Constanze Becker Constanze Becker
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Besonders gefällt der Schauspielerin die Art, wie Eva Demski ihre namenlose Ich-Erzählerin auf die verschiedenen Figuren und Situationen schauen lässt: Ein Blick ohne zu werten, ohne die eigenen Gefühle in den Vordergrund zu rücken oder politisch korrekt sein zu wollen.

Zitat
„Ich war immer gern am Rand. Ich bin ungern sichtbar. Und diese Frau stellt die Sichtbarkeit des Mannes her, indem sie seine Ränder abschreitet. Auch die, die ihr nicht angenehm sind. Und ohne zu werten versucht zu erzählen, wie er wurde, was er war. Das hat mit der Zeit zu tun, das hat mit Kindheiten zu tun, das hat mit politischen Dingen der damaligen Zeit zu tun, das hat mit Irrtümern, mit Ideen, mit Träumen, mit Revolution zu tun, und zwar Revolution nicht im dogmatischen Sinn. Denn auch das will sie erzählen, sie will undogmatisch von einem Undogmatischen erzählen (...) Ich hab ja keine Ahnung, ob’s ihm gefallen hätte. Eitel genug war er wahrscheinlich schon.“ Eva Demski Eva Demski
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Eva Demski: Scheintod
Insel Verlag, 2020
419 Seiten,
20,- Euro

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Produktion: hr 2021
Sprecherin: Constanze Becker
Regie Marlene Breuer Technik: Cornelia Jürgens
Besetzung: Heike Oehlschlägel
Bearbeitung: Julika Tillmanns
Redaktion: Karoline Sinur & Julika Tillmanns