Hermynia Zur Mühlen

Drei Frauen erzählen von ihren Töchtern, die den Versprechungen der Nationalsozialisten erliegen: Die eine ist sozialdemokratische Arbeiterin und ihre Tochter arbeitslos. Die zweite eine Aristokratin mit sozialem Gewissen und ihre Tochter eine Außenseiterin. Nur die dritte Mutter ist Opportunistin und zufrieden mit ihrer Tochter, der Nazine. Die "Rote Gräfin" Hermynia Zur Mühlen veröffentlichte ihren zeitkritischen Roman 1935 in Österreich, wenig später wurde er verboten.

In den Erzählungen der Mütter wird deutlich, wie stark die gesellschaftliche Spaltung in den frühen 1930er Jahren auch mitten durch die Familien ging. Die Erzählung der Sozialdemokratin Kathi Gruber beginnt am 3. Januar 1933 – sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes und zwei Jahre nachdem die Tochter arbeitslos wurde. Sie berichtet, wie die Schicksalsschläge ihre kluge Toni mehr und mehr von den gemeinsamen Überzeugungen abgebracht haben. Wie sie eines Tages einfach nicht mehr an den internationalen Sozialismus glauben mag. Man brauche jetzt einen deutschen Sozialismus, den Nationalsozialismus. Die Mutter versinkt in Gefühlen der Scham und des Selbsthasses. Ähnlich ergeht es der Gräfin Agnes, deren Tochter Claudia früher unter Depressionen litt, sogar einen Selbstmordversuch unternahm. Glücklich beobachtet die Mutter ihre Besserung, bis sie erfährt, dass Claudias neuer Freund bei der SA ist und auch Claudia sich für die Partei begeistert. Schwer erträglich für ihre Mutter, die gerade die Adeligen unter den Nazis für den schlimmsten Pöbel hält. Nur die Arztgattin Martha Feldhüter ist froh über die Parteikarriere ihrer Tochter, sie arbeitet am eigenen gesellschaftlichen Aufstieg. Ein erstaunlicher Roman über den Alltag im frühen Nationalsozialismus – ganz aus weiblicher Perspektive geschildert.

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Sendung

01.12.-22.12.2021 (16 Folgen)
Montag-Freitag 09:05 Uhr, Wiederholung um 14:30 Uhr.
Jede Folge steht ab Sendedatum 7 Tage online auf hr2.de sowie vom 01.12.-15.12.2021 in der ARD-Audiothek zur Verfügung.

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Hermynia Zur Mühlen – auch genannt: die Rote Gräfin – war eine österreichische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wurde 1883 als Tochter eines Diplomanten in Wien geboren, die Familie entstammte dem Hochadel der österreichisch-ungarischen Monarchie. Hermynia führte früh ein kosmopolitisches Leben, mit Aufenthalten in Vorderasien und Afrika. 1919 zog sie nach Deutschland und schloss sich der Kommunistischen Partei an. Sie lebte, zusammen mit ihrem Mann, dem jüdischen Übersetzer und Journalisten Stefan Isidor Klein, bis 1933 in Frankfurt und Berlin. In dieser Zeit entstanden Erzählungen, Romane, Übersetzungen, Kinder- und Jugendbücher sowie Hörspiele – meist mit politischem, antifaschistischem Hintergrund. Nach Hitlers Machtergreifung emigrierte das Paar zunächst nach Wien, dann 1938 über Bratislava nach Großbritannien. Dort starb die Schriftstellerin 1951 in der Grafschaft Hertfordshire.

Die Werke der Aristokratin, Kommunistin, Katholikin, unbeugsamen Nazigegnerin und Exilantin sind 2019 im Zsolnay Verlag erschienen, herausgegeben von Ulrich Weinzierl, mit einem Essay von Felicitas Hoppe. Der Verlag GeSaFa hat im Sommer 2021 eine Lesung von "Unsere Töchter, die Nazinen" veröffentlicht. Die Sprecherin und Moderatorin in Hörfunk, Fernsehen und auf der Bühne Julia Cortis hat den Roman gelesen – und schlüpft gekonnt in alle Rollen. Eine All-Age-Lesung, die auch jugendliche Hörerinnen ansprechen dürfte.

Hörbuchangaben:
Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter, die Nazinen
Verlag GeSaFa (Gelesenes Sach- und Fachbuch)
Gelesen von Julia Cortis, ca. 360 Minuten, 18 Euro