Marlen Haushofer

Es ist ein unheimlicher Spaziergang, den die Erzählerin zu Beginn des Romans "Die Wand" unternimmt. Eigentlich war sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Cousine zu einer malerischen Jagdhütte in die Berge aufgebrochen. Doch eines Morgens erwacht sie allein. Nur der Hund Luchs ist noch da. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach ihrer Familie und stößt im Wald auf eine Wand. "Die Wand" ist Marlene Haushofers bekanntester Roman. Zu ihrem hundertsten Geburtstag wirkt er aktueller denn je.

Auf der anderen Seite der Wand, das sieht die namenlose Erzählerin schnell, sind Menschen und Tiere leblos. Wie soll sie auf eine derart bedrohliche Situation reagieren? Sie beginnt, ein naturverbundenes Leben zu führen, pflanzt Kartoffeln, schließt Freundschaften mit Tieren, während der Mercedes vor der Jagdhütte von Gras überwuchert wird. Mit dem Roman von Marlene Haushofer kann man sich auch die Fragen unserer Zeit vor Augen führen: Was tun, wenn man wegen eines Virus nach den Regeln sozialer Distanz leben muss? Und was, wenn uns die drückende Hitze im Sommer an die Bedrohung durch den Klimawandel erinnert, der eben nicht nur das Klima sondern auch unsere Gesellschaft verändert? Wenn sie auch nicht als unsichtbare Barriere im Wald zu finden sind, so gibt es doch auch in unserer Zeit Wände, die uns in Ausnahmezustände werfen und die uns, wie die Erzählerin im Buch, zum Umdenken bewegen.

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Sendung

23.06.-30.06.2020 (6 Folgen)
Montag-Freitag 9:30 Uhr im "Kulturfrühstück",
Wiederholung 15 Uhr in der "Klassikzeit".
Aus rechtlichen Gründen können wir die Lesung leider online nicht anbieten.

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Marlene Haushofer selbst sagte in einem Interview über die Wand in ihrem Roman: „Jene Wand ist ein seelischer Zustand, der nach außen hin sichtbar wird.“ Die Autorin wurde am 11. April 1920 als Tochter eines Revierförsters und einer Kammerzofe in Oberösterreich geboren und führte ein bürgerliches Leben an der Seite eines Zahnarztes. In ihren Büchern - „Die Tapetentür“, „Die Mansarde“ und eben „Die Wand“ - erzählt sie aber immer wieder von unglücklichen Frauen, die von ihren Ehemännern unterdrückt oder sogar bedroht werden. Zum großen literarischen Durchbruch, wie etwa Ingeborg Bachmann, schaffte es Marlene Haushofer zu Lebzeiten nicht. Dennoch sind ihre Werke heute zum Teil Schullektüre. „Die Wand“ wurde im Jahr 2012 verfilmt. Marlen Haushofer starb am 21. März 1970 in Wien. Ihre Geschichte der eingeschlossenen Frau hat nichts an Faszination eingebüßt.

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„Die Wand“ ist 1963 erschienen und heute bei den Ullstein Buchverlagen als Taschenbuch (288 Seiten) zu erhalten. 2005 entstand auch eine gekürzte Lesung des Romans als Koproduktion von Hörbuch Hamburg und dem Hessischen Rundfunk (2 CDs, 140 Minuten). Die bekannte Film- und Theaterschauspielerin Elisabeth Schwarz hat den Text eindringlich gesprochen.

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