Es ist Heiligabend. Der junge Journalist Hinkelmann ersteht bei einer Auktion eine alte Puppe. Mit ihr im Gepäck läuft er nun allein durch die Gassen zu sich nach Hause – in Gedanken noch ganz beim gestrigen Abend. Gestern nämlich war Hinkelmann beim Geheimrat von Weißvogel eingeladen, der einen guten Burgunder führt, viele schöne Töchter hat und eine dichtende Gattin. Der Journalist hoffte auf eine Weihnachtseinladung in dieser reizvollen Umgebung.

Unglücklicherweise hatte aber sein Freund und Kollege Weitenweber gerade das neueste Werk der Gnädigen gründlich zerrissen – und der Verriss war just an diesem Abend in Hinkelmanns Blatt "Chamäleon" erschienen. In der Folge wurde Hinkelmann kurzerhand vor die Tür gesetzt. Jetzt sitzt er allein mit der Puppe in seiner wenig weihnachtlichen Stube und grämt sich. Zumindest solange, bis Freund Weitenweber erscheint und fünf Flaschen Wein mitbringt. Man rührt Zucker, Zitrone und Rum hinein – und die beiden Männer füllen sich immer wieder die Gläser mit dem Punsch. Gegen Mitternacht kommt plötzlich Leben in die Puppe - sie verwandelt sich in eine Fee und nimmt die Männer mit in ihre Weihnachtszauberwelt...

Wilhelm Raabes Erzählung "Weihnachtsgeister" wurde 1858 erstmals veröffentlicht und gehört der Epoche des literarischen Realismus an. Soziale Wirklichkeit sollte damals ungeschminkt geschildert werden, aber poetisch überhöht. In diesem Fall die Wirklichkeit eines einfachen Schreibarbeiters an einem Weihnachtsabend, den er sich anders vorgestellt hatte. Aber Raabe ist nicht nur Realist, sondern er hat auch Freude an der fantastischen Abschweifung. Und nicht zuletzt ist der Autor ein glänzender Humorist. Humor ist für Raabe der "Schwimmgürtel" auf dem "Strome des Lebens". Und diese humorvolle Seite kitzelt die Lesung von Heiner Schmidt besonders hervor. Eine Klassikerlesung zur Weihnachtszeit.

Wilhelm Raabe: Weihnachtsgeister
Sprecher: Heiner Schmidt
Regie: Sylvia Molzer
hr 1981

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Sendung: hr2-kultur, "Lesung", 23.12.2021, 9:05 - 9:30 Uhr.