hr2-kultur/ Portrait M. Atwood

Die Zeit der Helden ist vorbei. Jetzt erzählt Penelope ihre Geschichte – und widerspricht dem antiken Mythos. In dieser Erzählung ist sie nicht nur die treue und geduldige Ehefrau des ruhmreichen Odysseus. Vielmehr erscheint sie uns ebenso gewitzt wie ihr trickreicher Ehemann und macht sich keinerlei Illusionen über die patriarchalen Verhältnisse im alten Griechenland. Ergänzt wird ihr Monolog vom Chor der Mägde, den anonymen Machtlosen. Mehr als dreitausend Jahre später und aus dem Hades heraus verschaffen sich die Frauen Gehör - selbstbewusst, intim und witzig.

Die Ausgangslage ist bekannt: Penelope ist eine Halbgöttin. Ihre Mutter ist eine Wassernymphe, Vater Ikarios ist der König der Spartaner. Um seinen Machtbereich auszudehnen, arrangiert er einen Brautkampf um seine Tochter, den - für viele überraschend - Odysseus gewinnt. Der junge Mann ist zwar nur Herrscher über die unbedeutende Insel Ithaka, dafür gefällt Penelope seine Klugheit. Sie verliebt sich noch in der Hochzeitsnacht in ihn - und folgte ihm nur zu gern auf die ferne Insel, auf der sie vor den Brutalitäten ihres Vaters sicher ist. Penelope findet sich gut in ihr neues Leben auf dem felsigen Eiland ein. Bis, ja bis die schöne Helena, ihre selbstsüchtige Cousine mit dem trojanischen Prinzen Paris durchbrennt und Odysseus mit den Spartanern in den Krieg ziehen muss. Damit beginn für Penelope die Zeit des Wartens - und der Emanzipation…

Margaret Atwood gilt als Ikone des literarischen Feminismus. In der Erzählung "Penelope und die zwölf Mägde" macht sie die Illias und Odyssee lebendig und schreibt sie zu Heldinnengeschichten um. Die Neuinterpretation der griechischen Sagen erschien erstmals 2005 in dem Sammelband "Die Mythen" im Berlin Verlag und wurde jetzt von Sabine Hübner und Marcus Ingendaay für den Wunderraum Verlag in ein neues und sehr gegenwärtiges Deutsch übertragen. Die 1939 in Ottawa-Kanada geborene Schriftstellerin ist unbestritten eine der wichtigsten Autorinnen Nordamerikas. Ihre national wie international vielfach ausgezeichneten Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Der legendäre Roman "Der Report der Magd" wurde auch als Serie verfilmt. 2017 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, und für ihren Roman "Die Zeuginnen" wurde sie 2019 bereits zum zweiten Mal mit dem Booker-Preis für den besten englischsprachigen Roman ausgezeichnet. Atwood lebt in Toronto.

In der packenden Inszenierung unter der Regie von Marlene Breuer trifft Nina Kunzendorf in jedem Satz den Ton von Penelopes eindrucksvollem Monolog. Mal belustigt, mal skeptisch und immer scharfsichtig erzählt sie, was sie sieht, denkt und erlebt. Die Mägde sprechen gemeinsam im chorischen Rhythmus oder fallen sich gegenseitig ins Wort, sie plappern, skandieren oder singen – und zwitschern am Ende als Erinnyen aus der Geschichte davon.

M. Atwood: Penelope / Sprecherin: Nina Kunzendorf

Nina Kunzendorf, geboren 1971, spielte sich nach Abschluss ihres Schauspielstudiums an den großen Theaterbühnen in Mannheim, Hamburg und München in die Herzen des Publikums. Landesweite Berühmtheit erlangte sie durch ihre Rolle der Krankenschwester Andrea in der Fernsehproduktion "Marias letzte Reise", für die sie 2005 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Nur ein Jahr später erhielt sie für ihre darstellerische Leistung in "Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel" unter der Regie von Dominik Graf den Adolf-Grimme-Preis. Von 2011 bis 2013 ermittelte sie neben Joachim Król als Tatort-Kommissarin für den Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Als Sprecherin ist Nina Kunzendorf u.a. in den Hörverlagsproduktionen "Doktor Faustus" von Thomas Mann und "Die schönsten Märchen" von Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff zu hören.

Johanna Engel spielte 10 Jahre Improvisationstheater in der Gruppe "Stabile Seitenlage" und studiert seit 2020 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main.

Luise Ehl machte erste Schauspielerfahrungen in der ARD-Kinderserie "Tiere bis unters Dach". Seit 2019 studiert sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt.

M. Atwood: Penelope / Chor: Luise Ehl, Johanna Engel, Toni Pitschmann

Toni Pitschmann stand schon mit sieben Jahren als Statistin und im Kinderchor des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin auf der Bühne. Seit 2019 studiert sie Schauspiel an der HfMDK in Frankfurt und war in der Spielzeit 2021/22 Mitglied des Studiojahres Schauspiel.

Peter Schröder studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Ab 1982 folgten Engagements an verschiedensten Theatern in Deutschland und der Schweiz. Peter Schröder war und ist als Sprecher tätig bei Radio Bremen, dem WDR und dem HR.

Uwe Zerwer absolvierte seine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Anschließend folgten Auftritte auf zahlreichen Bühnen Deutschlands, u. a. an den Staatstheatern Darmstadt, Mainz und Wiesbaden. Seit 2017 ist Zerwer am Schauspiel Frankfurt engagiert.

M. Atwood: Penelope / Regie: Marlene Breuer

Marlene Breuer ist freie Regisseurin. Sie arbeitet an Lesungen, Hörspielen und Features überwiegend für den Hessischen Rundfunk und für diverse Hörverlage. Detailreich erzählte akustische Welten wie in "Armstrong: Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond", das 2018 mit dem BEO ausgezeichnet wurde, interessieren sie ebenso wie die Arbeit am Textgestus bei Romanlesungen, wie 2022 bei Yasmina Reza, "Serge".

Technik: Melanie Inden und Thomas Rombach
Besetzung: Heike Oehlschlägel
Assistenz: Natalie Gengnagel
Redaktion: Julika Tillmanns
Eine Produktion von hr-kultur mit Der Hörverlag 2022

Buchangaben: Margaret Atwood: Penelope und die zwölf Mägde
Übersetzung: Sabine Hübner und Marcus Ingendaay
Der Wunderraum Verlag 192 Seiten

Hörbuchangaben: Margaret Atwood: Penelope und die zwölf Mägde
Der Hörverlag 4CDs, 3 h 35 min