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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Schritt in die musikalische Freiheit

Lisa Bassenge

Als Lisa Bassenge mit 16 anfing zu singen, wurde ihr gesagt, Frauen könnten keine Musik machen. Und als Sängerin habe sie es immer noch leichter als eine Bassistin oder Pianistin, meint sie. Mit ihrem Album "Mothers" lenkt sie das Licht auf Komponistinnen in der Populärmusik: von Joni Mitchell über Annie Lennox bis zu Billie Eilish.

Wer sind diese "Mothers"?

Lisa Bassenge: Die "Mothers" sind natürlich nicht Mütter im herkömmlichen Sinne, die geboren haben, sondern in erster Linie Mütter ihrer Kunst, Frauen, die Großes geschaffen haben, große Komponistinnen und Songwriterinnen.

Was sind das für Frauen? Da geht es ja wohl weit über die Stimme und die Songs hinaus?

Bassenge: Was mich immer sehr interessiert hat bei der Auswahl der Songs und der Frauen ist dieses Thema der Selbstermächtigung. Das man sagt, es sind Frauen die sich befreit haben von Strukturen, in denen sie kleingehalten wurden. Oder Frauen, die einen Schritt in die musikalische Freiheit gewagt haben und damit ganz große Erfolge erzielt haben.

Lisa Bassenge: Mothers, Herzog Records Gmbh, Preis: 17,99 Euro

Sie sind ja auch schon rund 30 Jahre im Geschäft. Als sie als Teenager angefangen haben, hat man ihnen gesagt, Frauen können keine Musik machen.

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Mothers

Lisa Bassenge
Herzog Records Gmbh
17,99 Euro

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Bassenge: Ich merke, dass ich jetzt mit Mitte 40 immer noch teilweise darum kämpfe mit diesem Vorurteil, und das es eine falsche Information ist, die ich bekommen habe in jungen Jahren, als ich noch sehr beeinflussbar war, und mit der ich mein Leben lang immer zu tun hatte, diesem Vorurteil, dass Frauen die schlechteren Musiker sind. Das ist leider auch heute noch so, dass manche Leute das glauben.

Wird das nicht besser - und leichter für Frauen, sich im Musikbusiness durchzusetzen?

Bassenge: Es sind die Strukturen, die vorgegeben sind. Oft sind die sehr männlich-hegemonial besetzt. Natürlich sind es oft die Männer, die sich untereinander die Gefallen tun. Als Frau reinzukommen in diese Mischpoke, da muss man als Frau mehr Biss haben als ein Mann. Ich glaube es wird besser, und gerade in der Indie-Szene brechen diese Strukturen mehr und mehr auf, aber in vielen Bereichen sind Frauen immer noch Mangelware im Musikbusiness.

Wie sind sie damals damit umgegangen, und wie gehen sie heute damit um?

Bassenge: Ich habe damals trotzdem Musik gemacht und bin auch erfolgreich geworden damit. Ich hab’s denen gezeigt.

Sie haben einen Namen, Sie haben viele Projekte, Sie haben auch eine gute Karriere. Aber wenn ich das jetzt so höre, dass es immer noch so ist wie vor 30 Jahren, ist das nicht auch ein bisschen frustrierend?

Bassenge: Ich als Sängerin bin auch auf einer ganz anderen Position. Sängerinnen gibt es immer viele. Als Frau, die vorne steht – das ist noch ein anderes Thema – da ist man nicht so diskriminiert wie als Bassistin oder als Pianistin. Ich glaube, die Instrumentalistinnen haben es noch schwerer.

Ihr neues Album "Mothers" – starke Frauen, die etwas Einzigartiges, etwas Neues, etwas Kreatives geschaffen haben. Was haben jetzt die, die sie jetzt ausgewählt haben für dieses Album, gemeinsam?

Bassenge: Vor allem sind sie sehr gute Songschreiberinnen. Allen voran Lady Gaga, die ich jetzt für mich noch einmal entdeckt habe als Musikerin. Vorher war sie mir eher als Kunstphänomen ein Begriff. Aber jetzt habe ich sie noch einmal entdeckt als tolle Musikerin und Songschreiberin und Pianistin.

Auch Frauen, die sich gegen herrschende Strukturen durchgesetzt haben, also zum Beispiel Loretta Lynn, die in jungen Jahren schon sechs Kinder bekommen hat und mit einem totalen Säufer verheiratet war und es trotzdem geschafft hat in die Annalen der Countrymusik einzugehen als beste Songschreiberin.

Lady Gaga

Oder Joni Mitchell, die darauf bestanden hat, dass sie ihr Album alleine aufnimmt – solo, einfach nur sie und ihre Gitarre – und den Produzenten gesagt hat, sie möchte das einfach so. Und das wurde ein totaler Erfolg. Oder Robyn, die damals mit 16 Jahren beschlossen hat, dass sie sich gegen diese Plattenfirmenstrukturen auflehnt, ihr eigenes Label gründet und ihre eigenen Songs da selbst produziert. Und damit eben auch den Durchbruch geschafft hat.

Loretta Lynns Song heißt passend "Don’t come home a drinkin‘". Also sie gibt es dann auch heftig zurück.

Bassenge: Es ist so, dass es jetzt nicht typisch weibliche Themen gibt, sondern die Themen, um die es auf "Mothers" geht, sind Themen, die die Menschheit betreffen, die Liebe und Tod und Sehnsucht. Das ist natürlich für alle gleich wichtig. Aber trotzdem gibt es natürlich spezifische Geschichten, wie zum Beispiel "Don’t come home a drinkin‘", wo die Frau zu Hause sitzt und auf den Mann wartet, der ein bisschen nichtsnutzig sich rumtreibt.

Es geht auch um Lebensgeschichten. Zum Beispiel Elizabeth Cotten, die ein Leben lang als Nanny gearbeitet hat und erst mit über 60 bekannt wurde. Können Sie sich reinversetzen in diese Frauen, die ihre Kunst immer verfolgt haben und sie unter Umständen Jahrzehnte ausüben mussten, bevor man gemerkt hat: Och, da steckt ja mehr dahinter als jemand, der ein bisschen singen will?

Bassenge: Elizabeth Cotten finde ich ein krasses Beispiel für diese Bescheidenheit. Dass man sich selber zurücknimmt in einer dienenden Funktion und vielleicht auch gar nicht daran glaubt, dass es gut ist, was man macht. Das kann ich schon nachvollziehen. Und wer weiß, wie viele es noch gibt, die da auf der Welt herumlaufen, ganz viele tolle Ideen haben, aber die einfach nicht nach außen tragen können.

Ich glaube, die Auswahl war schwer, wenn ich mir das so anschaue. Joni Mitchell haben wir schon erwähnt, Janis Ian, Carole King, Loretta Lynn, Annie Lennox ist dabei, Suzanne Vega, Irene Kitchings, Elizabeth Cotten. Das sind ganz viele aus vielen verschiedenen Genres. Wie sind Sie dann damit klar gekommen, dass sie nur zwölf Songs nehmen konnten?

Bassenge: Es hat mich komischerweise vielleicht fünf Minuten gekostet, diese Auswahl zu treffen. Ich hatte ja schon meine Vorlieben und Ideen. Und dann habe ich noch im Gespräch mit meinem Pianisten und meinem Mann, dem Bassisten, ein bisschen überlegt, was passen würde. Es geht ja auch darum, was zu mir passt als Sängerin.

Mit Ihnen spielt der schwedische Pianist Jacob Karlzon und der dänische Bassist Andreas Lang. Sind Sie eigentlich eine Feministin?

Bassenge: Ja, auf jeden Fall.

Eine Feministin holt sich für ein Album mit Musik von Frauen zwei Männer. Warum?

Bassenge: Gerade weil es wichtig ist, dass Männer auch Musik von Frauen spielen. Es sollte ganz selbstverständlich sein, genauso wie Frauen auch Musik von Männern spielen.

Man hätte das ja auch als reines Frauenprojekt machen können.

Lisa Bassenge Trio Band

Bassenge: Aber warum? Warum soll man sich da so begrenzen? Es ist mein Trio, mit dem ich auch schon seit Jahren zusammenspiele. Ich weiß, dass diese beiden es so transportieren können wie ich es gerne hätte. Ich finde es auch wichtig, dass Männer mit einbezogen werden in diesen feministischen Prozess. Ich finde es einen feministischen Schritt zu sagen: Ich spiele das mit Männern.

Bekommen die Männer vielleicht auch einen anderen Blick auf die Frauen, wenn sie sich mit Material von Frauen auseinandersetzen?

Bassenge: Es geht ja nicht darum, irgendetwas zu beweisen. Es ist einfach schöne Musik, die sich gut spielen lässt; es ist ein rundes Konzept. Ich glaube, da muss man im Nachhinein auch nicht mehr so viel über die Geschlechter nachdenken.

In diesem Genre, in dem der Einstieg so schwierig ist als Frau: Wenn man dann drin ist und die richtigen Leute kennt, spielt es keine Rolle mehr?

Bassenge: Ja, wahrscheinlich ist es so.

Ich wollte noch einmal auf die Feministin zurückkommen. Was heißt denn das für Sie?

Bassenge: In erster Linie geht es mir darum, mich schlauer zu machen und immer mehr zu erkennen, in was für Strukturen wir leben. Ich bin noch auf dem feministischen Weg, kann man vielleicht sagen.

Es gibt ja auch Vorteile. Frau, in diesem Fall, sieht gut aus, hat eine tolle Stimme, hat inzwischen einen tollen Namen. Ein Song auf dem Album heißt "All the good girls go to hell". Passen Sie da gut hin?

Billie Eilish

Bassenge: Auf jeden Fall. Der Song ist ja von Billie Eilish, einer ganz jungen Frau. 2001 ist die geboren. Auf die bin ich durch meine Töchter gekommen. Die ist ein ziemliches Teenie-Idol, aber eigentlich ein tolles Beispiel für eine Frau, die sich selbst behauptet, die selbst ihr Zeug produziert, selbst komponiert zusammen mit ihrem Bruder und die Sachen selber rausbringt ohne großes Label und trotzdem unheimliche Erfolge erzielt hat.

Haben Sie jetzt das Gefühl bei den ganz Jungen – wenn Sie gerade Ihre Töchter erwähnen – sind die Vorurteile weniger geworden und es wird ein wenig leichter?

Bassenge: Ich sehe auf jeden Fall an meinen drei Mädchen, dass da viel mehr Selbstbewusstsein herrscht über die eigene Identität.

Wie äußert sich das?

Bassenge: Dass die sich einfach gut behaupten können und nicht harmoniesüchtig sind, sondern die sind sich ihrer Position bewusst und wissen, dass sie auch stark sind und dass sie ein Recht auf eine Stimme haben. Das Gefühl habe ich bei denen mehr als in meiner Generation.

Lisa Bassenge, was lesen Sie denn im Moment?

Antje Joel: Prügel

Bassenge: Im Moment lese ist ein Buch, was gar nicht so lustig oder amüsant ist. Das Buch heißt "Prügel" von Antje Joel. Die ist Journalistin gewesen und hat so ein bisschen "Feel good"-Journalismus früher gemacht. Es ist ein autobiographisches Buch über die Gewaltbeziehungen, in denen sie lange Zeit gesteckt hat.

Über Gewalt an Frauen und wie die in Deutschland noch nicht wirklich bestraft wird, wie eine Frau in diesem Rechtssystem Schwierigkeiten hat, Gewalttäter vor Gericht zu bringen. Und überhaupt, was die Struktur von Gewalt ist, wie es stattfindet, wie es dazu kommt. Das finde ich ein sehr interessantes Buch, aber nicht so eine leichte Lektüre.

Ein Thema, über das man auch Songs schreiben könnte. Sie schreiben ja auch selber Songs.

Bassenge: Stimmt. Da traue ich mich jetzt noch nicht so ran, aber es wird vielleicht einmal ein Thema werden.

Haben Sie ein Buch für die Insel, was Sie mitnehmen würden, ein Alltime-Lieblingsbuch?

Bassenge: Es gibt ein Buch, was ich sehr liebe. Ich lese sowieso sehr gerne, aber dieses Buch hat mich so berührt. Es heißt "Die Wand" von der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Da geht es um eine Frau, die fährt auf eine Hütte in die Berge und merkt dann am nächsten Tag, dass da eine unsichtbare Wand ist.

Sie kann nicht mehr raus aus dieser Landschaft und ist letztendlich dann der einzige Mensch dort. Sie fängt dann an, als Selbstversorgerin mit ihren Tieren zu leben. Haushofer beschreibt diese Einsamkeit ganz toll und dieses Leben mit den Tieren, das Idyll, das dadurch entsteht, und das Paradies, in dem sie eigentlich lebt ...

... was aber keins ist ...

Bassenge: Was aber keins ist, weil es letztendlich dann auch zusammenbricht. Trotzdem ist es ein gutes Buch, unheimlich gut geschrieben.

Brauchen wir denn einen Internationalen Frauentag überhaupt noch, um auf uns aufmerksam zu machen. Oder sind wir ohnehin bemerkbar inzwischen?

Bassenge: Ich glaube, alles ist gut, um auf Frauen aufmerksam zu machen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir uns jetzt großartig ins Licht stellen müssen und dadurch so schrill sein wollen. Ich glaube, dass so ein Frauentag nötig ist. Weltweit sind Frauen die Hälfte der Bevölkerung und trotzdem werden sie teilweise nicht richtig gesehen und sind auch benachteiligt. Auch in Deutschland gibt es immer noch eine Diskrepanz zwischen den Löhnen von Frauen und Männern. Da gibt es noch viele Themen, die beackert werden müssten.

Lisa Bassenge, das neue Album heißt "Mothers". Bekommen die Mütter dadurch auch noch mal einen neuen Klang?

Lisa Bassenge: Mothers, Herzog Records Gmbh, Preis: 17,99 Euro

Bassenge: Ja, auf jeden Fall, nämlich meinen. Den können sie sich in den CD-Player schieben.

Haben Sie denn ein Stück darauf, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Bassenge: Ich mag besonders gerne dieses Stück von Robyn "Dancing on my own". Wir wussten erst nicht so richtig, ob wir es mit raufnehmen sollen oder nicht. Ich mag es besonders gerne, vielleicht gerade deshalb, weil ich anfangs so ein bisschen Probleme hatte damit.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister.

Sendung: hr2-kultur, "Kulturfrühstück", 08.03.2020, 09:04 Uhr

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