Ohne Walter Pehle sähe die Geschichtsforschung und Erinnerungskultur in Deutschland heute anders aus. Als Herausgeber der legendären „Schwarzen Reihe“ im S. Fischer-Verlag hatte er sich unermüdlich der Erforschung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen verschrieben. Am 28. März ist Walter Pehle verstorben – wir erinnern an ihn mit zwei Mitschnitten aus seiner letzten Vortragsreihe.

„Eine Region und die Schuld“ hieß die Vortragsreihe im Frankfurter Holzhausenschlösschen, die Walter Pehle konzipiert hat. Darin ging er und die weiteren Vortragenden der Aufarbeitung der NS-Geschichte (bzw. deren Fehlen) in Hessen nach. Im Literaturland Hessen senden wir gekürzte Mitschnitte von zwei Vorträgen, von Walter Pehle und Philipp Krantz.

Walter Pehle erinnert an Ernst Klee, den Journalisten und „produktiven Außenseiter“ der Zeitgeschichtsforschung. In den 70er Jahren befasste sich Klee als Journalist mit Randgruppen der Gesellschaft, mit Obdachlosen, Strafgefangenen, Psychiatriepatienten und Behinderten, er legte mit seinen Reportagen den Grundstock für die damals entstehende emanzipatorische „Behinderten-Bewegung“. Zu Beginn der 80er Jahre hat Klee seine Perspektive verändert und gefragt, wie in der NS-Zeit mit geistig und körperlich Behinderten und anderweitig Missliebigen umgegangen wurde. Aus dieser zweiten Schaffensphase ist ein umfangreiches Oeuvre hervorgegangen, beginnend mit der Monographie „’Euthanasie’ im NS-Staat. Die Vernichtung ‚lebensunwerten Lebens’“ (1983). Die darin beim Namen genannten Verantwortlichen und Täter konnten nach 1945 ihre Karrieren unbehelligt fortsetzen können. Der ungewöhnliche Autor ist vielfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Geschwister-Scholl-Preis und mit der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt.

Philipp Krantz widmet sich dem heute vielen als vorbildlich geltenden Umgang der Deutschen mit der NS-Vergangenheit. Aber die Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit. Wie schwierig dieser Weg sein konnte, untersucht Philipp Kratz am Beispiel der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Wie gingen ehemalige Verfolger und Verfolgte miteinander um, die im städtischen Nahraum nach Kriegsende wieder aufeinandertrafen? Wie stritten die Zeitgenossen um Fragen nach individueller und kollektiver Schuld und die daraus zu ziehenden Konsequenzen? Dabei wird deutlich, dass sich die Auseinandersetzung der Deutschen mit der Schuldfrage weder als geradlinige Erfolgsgeschichte noch als bloße Defizitgeschichte erzählen lässt.

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Den 2. Teil senden wir am 18. April im "Literaturland Hessen".

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Walter Pehle
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Walter H. Pehle, geb. 1941, Dr. phil., Historiker. 1976 - 2011 Lektor bei S. Fischer für Geschichtswissenschaft. Begründer und ab 1988 Herausgeber der „Schwarzen Reihe“ Die Zeit des National­sozialismus, der mit mehr als 250 Bänden weltweit größten Buchreihe dieser Art. 1990 Lehrbeauftragter, 2003 Honorarprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. 1992 Mitbegründer und später Vorstandssprecher des Literaturhauses Frankfurt; Mitglied des Kuratoriums. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Fritz-Bauer-Instituts. Auszeichnungen: Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main, Bundesverdienstkreuz am Bande, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse

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Holocaust-Mahnmal Berlin
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Philipp Kratz, geb. 1979, studierte Geschichte und Sozialwissenschaften in Bochum und Frankfurt am Main und wurde 2016 in Jena promoviert. Er hat zahlreiche Artikel zum Nationalsozialismus und dessen Nachgeschichte in Wiesbaden publiziert. Zuletzt erschien im März 2019 sein Buch „Eine Stadt und die Schuld. Wiesbaden und die NS-Vergangenheit seit 1945“. Derzeit unterrichtet er an einem Wiesbadener Oberstufengymnasium sowie als Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Sendung: hr2-kultur, "Literaturland Hessen", 11.04.2021, 12:04 Uhr;
Wiederholung am 17.04.2021, 18:04 Uhr.

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