Was hat es mit dem Schweigen und dem Verschweigen im Schreiben auf sich? Wie viel Biografie und wie viel Fiktion steckt in einer Geschichte? Darüber sprach Judith Hermann in ihrer ersten Poetikvorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt.

"Wir hätten uns alles gesagt – vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben": Unter diesem Titel hält Judith Hermann dieses Jahr die traditionsreichen Frankfurter Poetikvorlesungen. Der Konjunktiv im Titel spricht Bände: Wir hätten uns alles gesagt, wenn es denn möglich gewesen wäre. Die Pandemie beeinflusst nicht nur die Art und Weise, wie wir Literatur lesen, sondern auch die Bedingungen ihrer Entstehung und des Austausches über sie. Vieles, was früher selbstverständlich war, ist abhängig von etwas, das aus dem medizinischen Fachdiskurs in die Alltagssprache eingewandert ist: Infektionsgeschehen. Nach zwei Jahren konnte nun wieder eine Poetikvorlesung in Präsenz stattfinden.

In ihrer ersten Vorlesung entführt Judith Hermann ihre Zuhörer*innen in eine ebenso autobiographische wie fiktionale Erzählung, in der das Erzähler-Ich mal vertraut, mal fremd erscheint. An einem Abend mit einem Dichterkollegen in der Berliner Kastanienallee trifft die Erzählerin zufällig auf ihren früheren Psychoanalytiker. Die Begegnung stellt für die Autorin eine Herausforderung dar, hat sie doch die Erlebnisse mit dem eher wortkargen Mann in einer Erzählung verewigt. Doch passt die literarisch erinnerte Figur zum realen Wiedergänger, wird die Analysandin vom Analytiker enttäuscht? Weitere Figuren werden eingeführt, die mit der Erzählerin in einem ehemals innigen Austausch standen. Hermann versieht die mitunter komplizierten und auch tragisch anmutenden Gestalten ihrer Erzählung mit zarten, manchmal auch leise ironischen Beschreibungen.

Vielleicht ist das genau die Leichtigkeit, für die ihre Leser*innen sie seit ihrem ersten Band "Sommerhaus, später" verehren. Vom Feuilleton gefeiert und wochenlang auf der "Spiegel"-Bestsellerliste, gehört die 1970 geborene Judith Hermann schon lange zur ersten Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Auf ihren erfolgreichen Debutband folgten weitere Publikationen: die Erzählbände „Nichts als Gespenster“ (2003), "Alice" (2009) und "Lettipark" (2016) sowie 2014 der kontrovers diskutierte erste Roman "Aller Liebe Anfang". Für das bisherige Werk wurden ihr u. a. der Bremer Literaturpreis (2022), der Rheingau Literatur Preis (2021), der Erich Fried Preis (2014), der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2009) sowie der Kleist-Preis (2001) zuerkannt.

Wir senden einen gekürzten Mitschnitt der Poetikdozentur vom 3.5.2022, aufgezeichnet in der Goethe-Universität Frankfurt.

Sendung: hr2-kultur, "Literaturland Hessen", 15.05.2022, 12:04 Uhr