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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gespräch mit Maja Göpel, Expertin für Nachhaltigkeitswissenschaft

Maja Göpel spricht bei einer Demonstration von Fridays for Future

Die Coronakrise hat gezeigt, wie zerbrechlich unser System Wirtschaft ist. Die Sehnsucht nach der alten Normalität wächst. Aber soll alles so werden wie vorher? Ein Gespräch mit der Ökonomin und Generalsekretärin des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen".

Schauen wir auf die Wirtschaft, wie sie vor Corona war. Da war das Problem, wie Sie es darstellen, dass die Natur nicht im Bruttoinlandsprodukt vorkommt. Die Natur lässt sich nicht bepreisen. Und deswegen ist sie auch kein Wirtschaftsfaktor mit dem man Geld machen könnte.

Maja Göpel: Wir weigern uns, sie zu bepreisen. Die CO2-Steuer ist ja auch so ein Schritt. Das CO2-Molekül kann man ganz gut messen. Und auch quantifizieren, was die Voraussetzungen sind für eine Preisgestaltung. Auch Ressourcen kann man bepreisen. Man kann Biodiversität messen. Es gibt einiges an Vorschlägen. Aber wir haben an der CO2-Steuer gesehen, dass einige sich dagegen sträuben. Obwohl das auch von den meisten Ökonomen und Ökonominnen ganz klar als eine Bereinigung des Marktversagens vorgeschlagen war.

Weil wir sehen, dass die Märkte selbst das nicht früh genug anzeigen, dass die Ressource übernutzt ist. Und da geht es nicht um das Öl im Boden. Das wird fehlverstanden. Sondern es geht um die Reserve in der Atmosphäre. Die begrenzte Ressource ist die Atmosphäre. Und deswegen ist das die Bepreisung auf CO2, weil die Märkte das sonst nicht anzeigen würden. Und allein dieses Instrument würde einen wahnsinnigen Schub in die Innovation, für alternative Brennstoffe, für erneuerbare Energien mit sich bringen, der auch einen wirklichen Innovationsschub in die Wirtschaft bringen könnte. Und da wenigstens an diesem Minimum jetzt festzuhalten – das ist die Ambition von all denen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen.

Ein Schub, der aber erstmal mehr kosten würden. Der die Gewinne für Unternehmen minimieren würde und der die Menschen Geld kosten würde, weil Dinge teurer würden. Das können sich nicht alle Menschen leisten.

Maja Göpel: Deswegen sprechen wir alle auch immer davon, dass es eine sozial-ökologische Transformation braucht. Es ist kein Rezept, so zu tun, als könnte man so weiter machen, um ein Desaster zu verhindern. Das haben wir alle jetzt bei Corona gelernt. Das ist ähnlich wie mit dem CO2. Wir machen viel zu viel CO2 in die Atmosphäre. Wir wissen, das hat negative Konsequenzen. Aber so lange sie uns im Alltag heute noch nicht direkt treffen, drücken wir uns davor das wirklich ernst zu nehmen.

Und das ist genau die Herausforderung bei der Klimapolitik, dass sie zeit- und ortsversetzt wirkt. Aber so zu tun, als würde uns das nichts kosten, ist absoluter Quatsch. Sondern mittelfristig – das zeigen alle ökonomischen Hochrechnungen – wird’s viel teurer, wenn wir sehr erratische Wetterbedingungen haben, Dürren oder ganze Landstriche überschwemmt sind, ganze Länder untergehen. Dann haben wir eine ganz andere Voraussetzung für menschliches Leben und Überleben. Und deshalb ist der reine Kostenfaktor schon so, dass Prävention beim Klimawandel besser ist. Nur, dass eben die Zeitlichkeit versetzt ist. Und deshalb fällt es uns so schwer, das heute direkt zu tun.

Und deswegen ist es heute so wichtig zu schauen: Wie können wir die soziale Seite puffern? Und da haben wir in Corona auch gesehen: Mindestlöhne sind zu niedrig. Besonders in den Bereichen, von denen wir sagen, die sind systemrelevant. Ein Anheben des Mindestlohns wird ja schon lange diskutiert, auch aus konservativen Lagern. 12 bis 13 Euro Mindestlohn sind keine Gewerkschaftsposition mehr. Damit Menschen sich eine Rente leisten können. Dann können die sich einen nachhaltigeren Warenkorb leisten.

Menschen muss man immer zusammen denken und sich fragen: Warum kann es sein, dass in einer reichen Nation wie Deutschland Menschen nicht die Preise bezahlen können, die eigentlich angemessen wären? Preise sind ja politisch gestaltbar. Das sehen wir gerade auch.

Klar machen, dass Wirtschaft nicht so weiterlaufen darf. Grenzen des Wachstums sind irgendwann erreicht.

Maja Göpel: Genau und das sind die mutmachenden Rückmeldungen. Familienunternehmen beispielsweise, die auch diejenigen sind, die darunter leiden in einem Steuerwettbewerb zu sein, zum Beispiel der Buchhandel hier vor Ort mit einem Amazon, das einen anderen Steuersatz hat.

Oder in der Art, wie sie Arbeitsplätze schaffen oder Steuern zahlen, an dem Ort und einer Schicksalsgemeinschaft beiwohnen, und in ihrer Form des Rückvergütens mit Steuern, mit Arbeitsplätzen dann einen Staatshaushalt puffern, der heute einspringen kann. Dieses Zusammenführen: Wo ist meine Schicksalsgemeinschaft? Wo nehme ich nicht nur Privilegien in Anspruch und politische Freiheiten, sondern wo übernehme ich dann eben auch Verantwortung und zahle zurück?

Das müssen wir neu justieren. Aber das ist die Essenz von Liberalismus, wie Märkte eben nur funktionieren können. Das ist eine Aufgabe, die braucht globale Kooperation. Oder mindestens regionales Verwaltertum. Und deswegen hoffe ich, dass die Europäische Union die Chance aus der Krise begreift, sich als Kontinent nochmals aufzustellen und Verwaltertum in Richtung nachhaltiges Wirtschaften weiter voranzutreiben, weil da waren wir auch mit dem Green Deal. Und da habe ich sehr positive Gespräche führen dürfen, wo auf politischer Seite viel gewollt wird. Und je mehr wir das auch aus der Bevölkerung signalisieren, desto mehr Rückenwind kriegt eine Politik, das auch fortzusetzen.

Die Fragen stellte Imke Turner.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 5.5.2020, 17:10 Uhr 

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