Matthias Horx

In seinem gerade erschienenen Buch "Die Zukunft nach Corona" zeichnet Matthias Horx ein positives Bild von der Welt, in der wir leben werden. Die Welt wie wir sie kennen, löst sich gerade auf und fügt sich zu einer neuen Welt zusammen, deren Formen wir zumindest erahnen und mitbestimmen können.

Sie haben die Zeit in einer Quarantäne in Wien dazu genutzt, über die Welt, in der wir leben, nachzudenken und vor allem, was aus ihr durch oder nach Corona werden wird. Wenn Sie jetzt heute in Wien in einem Café sitzen, was sehen Sie?

Ich sehe ein vorsichtiges Tasten in die Normalität, die aber eben nicht mehr die Normalität ist. Das ist das Spannende. Wir sind ja durch diese Krise mitten in uns selbst erwischt worden. Es ist zunächst alles zum Stillstand gekommen, und wir waren zunächst total verunsichert, verängstigt, panisch. Und dann hat sich eine merkwürdige Wendung in vielen Leben vollzogen, wo man gesagt hat: Ich bin immer noch da; die Welt ist nicht zusammengebrochen; und wir haben etwas Neues entdeckt und erlebt. Ich nenne das das Corona-Syndrom, das uns verändert hat.

Es waren viele Menschen, die sich auf so etwas einlassen konnten. Und heute sieht man, dass es ein Staunen gibt beim Zurückgehen. Man schaut ganz anders auf andere Menschen.

Sehen Sie das den Menschen an?

Ja, man sieht die Verunsicherung, aber man sieht auch das Neue, dieses Leuchten, das passiert, wenn in den Gehirnen etwas Neues entsteht. Das entsteht immer durch Erfahrungen, die uns verblüffen. Wir haben ja alle so ein Erwartungs-Hirn. Mit dem Erwartungs-Hirn denken wir: Die Welt wird immer so weitergehen. Aber im Vor-Corona waren wir alle schon mehr verunsichert. Es gab ja eine große Angst. Und das Verrückte ist – das wissen wir jetzt auch aus den ersten psychologischen Studien – dass das Angstniveau der Deutschen um 50 Prozent gefallen ist. Das ist schon gewaltig.

Das Glücksempfinden ist gestiegen. Das ist ein typischer Effekt von Krisen, die bewältigbar erscheinen. Es ist eben kein Weltkrieg, in dem uns unsere Häuser um die Ohren fliegen wie unseren Großeltern. Dann entsteht ein Effekt im Menschen, dass sich seine innere Zukunft zeigt, wohin wir uns wenden. Und dann beginnt das Gehirn neue Strukturen zu schaffen, das ist die Neugierde. Dann entsteht Selbsterfahrung und auch ein Stück Selbstwirksamkeit.

Empfinden wir das im Moment so, weil die Politik uns vorgibt, was wir zu tun haben, damit es weitergeht? Oder wir Experten haben, denen wir zuhören oder auch nicht, die uns aber auch einen gewissen Trost mitgeben?

So kann man es auch sehen. Das ist die alte Sichtweise, dass jemand anders immer schuld ist. Aber das hat ja alles nicht funktioniert. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen auf unsere Weltbeziehung. Wir haben plötzlich mit unserem Ehepartner eine Wohnung geteilt, mit dem wir uns vorher auch getroffen haben, aber diesmal waren wir plötzlich dauerhaft zusammen. Wir haben Familie ganz neu erlebt.

Hat das bei Ihnen gut funktioniert?

Das war schon fantastisch. Ich habe wieder Wohngemeinschaftsleben erlebt. Ich habe lange Jahre meines Lebens in Wohngemeinschaften erlebt und habe danach eine Gemeinschaftlichkeit vermisst. Wir waren zu sechst in so einer Isolationsgruppe: meine zwei Söhne, die Frau, die Tochter und der Großvater, also mein Schwiegervater. Und das erzeugte eine Nähe, die am Anfang unangenehm war, dann hat man sich hineingelebt. Und dann hat man Dinge erlebt, die man vorher vermisst hatte.

Ein anderes Kommunikationsverhalten, auch mal Schweigen. Man war in die Wirklichkeit zurückgekommen. Es hat einen Verwirklichungsaspekt gehabt. Das ist, glaube ich, das Kostbare an der Corona-Krise. Und jetzt tobt ja die Debatte darum: Wird etwas davon übrig bleiben? Oder werden wir das alles wieder vergessen und genau denselben Quatsch machen wie vorher. Das ist so die übliche Polarisierung der Debatte über die Zukunft.

Sie  schreiben: Vereinsamung muss nicht unbedingt zu Einsamkeit führen. Oder Verzicht ist nicht gleich Verlust. Und Abstand erzeugt neue Nähe. Das würde bedeuten, dass die Welt sich erst ändert, wenn wir uns selber ändern.

So ist es. Wir sind ja Krisenwesen. Unser ganzes Leben ist eine Krise. Die Geburt ist eine Krise; die Kindheit, wenn man immer auf die Nase fällt; die Pubertät, die Familiengründung. Alles ist Krise, und immer dann, wenn wir darauf reagieren, wenn wir es annehmen, dann entsteht das Neue. Manchmal muss eine Krise kommen und uns zeigen, wer wir wirklich sind.

Was sagen Sie Menschen, die jetzt Angst haben, weil sie finanziell oder gesellschaftlich oder familiär am Ende sind. Weil sie Dinge vermissen, die sie schätzen und lieben gelernt haben, die einfach weg sind. Was sagen Sie denen?

Menschen, denen es schlecht geht, kann man nur trösten. Sie verlangen jetzt eine moralische Stellungnahme. Aber das ist wohlfeil, das hat wenig Sinn. Menschen, die verunsichert sind, die sind natürlich auch vereinsamt. Und Menschen, die erlebt haben, dass sie eigentlich nicht so einsam sind, wie sie manchmal geglaubt haben, die haben nicht das Problem. Und viele Menschen, die geglaubt haben, dass ihre Existenz total bedroht ist, die erleben ja jetzt Zuwendung auch durch den Staat, durch die Gesellschaft. Wir erleben ja auch so etwas wie gesellschaftliche Vertrauensbildung. Wir können das übrigens auch alles messen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Reicheren heute paradoxerweise mehr Existenzängste haben als die nicht so Reichen. Das liegt daran, dass die ärmere Bevölkerung auch resilienter ist und sogar anpassungsfähiger durch ihr Leben geworden.

Ich finde, was das Verblüffende an dieser Krise ist, dass sie eben nicht wie erwartet, die Gesellschaft weiter gespalten hat. Das ist so eine Erfindung von Journalisten und von Ängstlichen. Sie hat uns mit unserer Angst konfrontiert. Es ist ja so: Die Angst kann man ja gar nicht halten. Angst ist etwas uns von der Evolution Gegebenes, damit wir flüchten oder kämpfen. Aber wir können eigentlich nicht länger als eine Stunde maximal Angst haben.

Die Ängstlichkeit: Alles wird schlimmer und alles wird schrecklich und die Welt geht unter. Die wird einem eigentlich dann genommen, wenn die Welt untergeht – also die Welt, wie wir sie kannten. Aber dann ist sie immer noch da. Und wir machen die verblüffende Erfahrung, dass wir von ganz anderen Kräften gehalten sind als nur davon, dass wir permanent Party machen oder rausgehen. Das war ja die zentrale Erfahrung. Ganz viele Menschen haben erlebt, dass sie vieles auch gar nicht unbedingt brauchen, damit es ihnen gut geht, sondern dass vielleicht auch einiges zu viel ist.

Sie schreiben: Die Zukunft macht keine Versprechen. Das beziehen Sie auch gar nicht nur auf Corona. Das heißt, wir sind im Grunde selbst in der Verantwortung. Wenn wir uns selbst verändern, können wir die Zukunft auch gut verändern.

Zukunft muss ja immer unsicher sein, sonst wüssten wir sie schon und die Welt wäre mechanisch und tot. Es gibt eben zwei Arten damit umzugehen. Das eine ist – wie Sie im ersten Teil ihres Satzes ja gesagt haben – wir haben Schuld, also wir weisen Schuld zu. Das ist das, was wir immer erleben. Es ist Bill Gates oder Echsen aus dem All oder Kommunisten oder die Antifa – das ist Trumps Spruch. Oder wir schauen mal in uns selbst und fragen uns: Was ist eigentlich unsere Verantwortung für die Zukunft? Und zerstören mit unseren verselbstständigten Ängsten nicht auch die Zukunft?

Wir sind ja Teil eines medialen Systems, das uns von früh bis abends mit Ängsten und Furcht versorgt. Wir leben in einer Erregungs- und Aufmerksamkeitsgesellschaft. In der Krise haben wir uns aber auch differenziert. Wir haben gemerkt, dass wir verrückt werden, wenn wir dauernd in den Bildschirm starren. Deshalb haben wir uns dem Garten zugewandt oder dem Partner. Das heißt, wir sind mit unseren Ängsten umgegangen. Und dann entsteht eine andere Sicht auf die Zukunft. Das ist das, was ich als Re-Gnose bezeichne.

Prognosen funktionieren eigentlich nicht. Das habe ich in meiner langen Zeit als Zukunftsforscher festgestellt. Prognosen glaubt man nicht, oder die sind sehr fern. Nur, wenn man sich selbst in der Veränderung versteht, dann versteht man auch, was die Zukunft ist. Die Zukunft hat ja mit uns zu tun, die ist unser Werden. Und nur wenn wir dieses innere Werden spüren können, dann befreien wir uns auch von dieser Angst. Diese Kontrollverlustangst, das ist ja das, was Menschen immer so umtreibt, so unglücklich macht.

Sollten wir dem Virus dann dankbar sein, sozusagen als Sendbote aus der Zukunft mit welcher Botschaft?

Das wäre, glaube ich, ein verschwörungstheoretischer Gedanke, dass der Virus quasi eine Agenda hat. Der Virus ist der Virus. An ihm können wir etwas erkennen, nämlich erstens, dass unser Naturverhältnis nicht abzuschaffen ist. Ich glaube, wir waren ja deshalb so verblüfft, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Wir dachten ja, in der modernen Zivilisation sind wir von solchen altmodischen Dingen wie Viren oder Bakterien getrennt. Eigentlich wissen wir, dass das gar nicht stimmt. Wir sind immer in einem Naturverhältnis. Eigentlich hassen wir das. Wir wollen ja raus aus der Natur, wollen alles kontrollieren können. Und auf der anderen Seite ahnen wir, wenn wir die Natur verlassen, dass es uns dann ganz schlecht geht.

Ich glaube, dass diese ganze Auseinandersetzung auch ganz viel zu tun hat mit der Frage der Klimaerwärmung. Also dass Corona die Vorstufe ist von der Lösung der globalen Erderhitzung, weil unser Naturverhältnis zum ersten Mal so deutlich vor uns steht. Wir können einfach nicht so tun, als würden wir außerhalb der Natur leben.

"Die Zukunft nach Corona" heißt das neue Buch von Matthias Horx. Es erscheint am 29. Mai bei Econ für 15 Euro.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 03.06.2020, 17:10 Uhr.

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