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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Wenn wir in die Welt schauen, sind die wenigsten Menschen krankenversichert"

Thomas Gebauer

Während und nach Corona sehen wir, welchen Ländern es gut und welchen es schlechter geht. Daraus ist die Idee einer globalen Bürgerversicherung entstanden, einer Hilfe, die auf Solidarität und nicht nur auf reinem Mitgefühl basiert. Der Leiter der Hilfsorganisation medico international sagt, warum.

Eine Globale Bürgerversicherung - was ist das?

Eine globale Bürgerversicherung würde Menschen die Möglichkeit geben, in Situationen, in denen sie Hilfe und Unterstützung brauchen, auch einen geregelten Zugang zu haben. Das haben wir in nationalen Kontexten haben, hier im eigenen Land: Wenn jemand krank wird, dann ist er sozialversichert und bekommt Hilfe. Aber wenn wir die Welt schauen, dann ist es für die wenigsten Menschen der Fall. Fie Folgen sehen wir dann: Armut, Ausgrenzung, auch die Notwendigkeit zu fliehen. Und eine globale Bürgerversicherung würde an dieser Situation Abhilfe schaffen.

Was wäre denn der Vorteil? Heute wird ja auch gespendet, es gibt die Entwicklungshilfe, was würde die globale Bürgerversicherung da groß verändern?

Rohingya-Flüchtlinge im Flüchtlingscamp in Bangladesch

Also wenn wir die Globalität gestalten wollen, dann brauchen wir gesicherte Systeme und gesicherte Institutionen. Es macht keinen Sinn, alles von den Bedürfnissen der Geber abhängig zu machen. Das ist im Falle der Entwicklungshilfe so: Da dominieren die Interessen der Geberländer und auch derjenigen, die etwas spenden. Man kriegt dann in einer Situation einer großen Not vielleicht viele Spenden, aber eine Langfristigkeit, eine Kontinuität der Nachhaltigkeit ist nicht gegeben. Die aber brauchen wir, und die ist alleine dann in der Lage, so etwas wie gesicherte Lebensumstände für alle Menschen an allen Orten der Welt zu schaffen. Und das ist das große Ziel.

Armut macht krank und Krankheit macht arm, heißt es. Inwieweit könnte solch eine globale Bürgerversicherung denn hier helfen?

Entwicklungshilfe Müller

Dieser Teufelskreis ist die Realität. Und wir sehen, dass das zum Beispiel in Ländern des Südens, wo es keine geregelten Daseinsvorsorge-Möglichkeiten gibt, dazu keine Gesundheitsversorgung, die Leute angewiesen sind auf privat zu kaufende Medizin. Und die Armen können sich das kaum leisten. Alljährlich werden hundert Millionen Menschen in die Armut getrieben, weil sie für Arztkosten privat aus eigener Tasche aufkommen müssen. Das ist für uns vielleicht nicht so nachvollziehbar, weil wir gesicherte Möglichkeiten haben. Aber in vielen Ländern der Welt gibt es das. Und diesen Teufelskreis der Armut müssen wir endlich aufzubrechen. Es bedarf also Systeme von Umverteilung, dass diejenigen, die besser gestellt sind und dann manchmal auch weniger häufig krank werden, auch für die Gesundheitsbedürfnisse der Ärmeren aufkommen, die viel häufiger krank werden.

Hört sich nach einer reinen Utopie an...?

Wir haben alle kapiert, dass es so nicht weitergehen kann, dass das so eigentlich nicht mehr zulässig ist. Die Krisen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten zugenommen.

Zitat
„Wir sind gefordert uns Gedanken zu machen, wie eine Welt zukünftig aussehen soll.“ Zitat von Thomas Gebauer, medico international
Zitat Ende

Wir haben nicht nur die Gesundheitskrise, die jetzt akut von allen gespürt wird, sondern wir haben auch eine Klimakrise. Wir haben die soziale Krisen, Hungerkrisen. Wir haben auch die Notwendigkeit, Menschen, die zu uns fliehen, aufzunehmen, aus Gründen der Humanität. Alles das ist ja Anzeichen dafür, dass in der Welt etwas nicht stimmt und darüber nachzudenken ist, wie man es anders gestaltet. Das ist nicht unbedingt etwas, was utopisch ist, was also nicht realisierbar wäre, sondern es ließe sich ja realisieren. Die Welt ist reich genug. Es sind ja genug Ressourcen für alle da. Es muss nur ein bisschen anders gesteuert, anders gestaltet werden.

Wie verbreitet man in der Zeit die Einsicht, dass jetzt solidarisches Handeln das Gebot der Stunde ist? Wie kommt man da an die Leute ran? Wie kann man das überzeugend rüberbringen?

Wir sehen ja eigentlich beides im Augenblick, die Corona-Krise hat auch deutlich gemacht, wie notwendig Solidarität ist, eine öffentliche Daseinsvorsorge, also Zugang zu funktionierenden Krankenhäusern.

Zitat
„Abschottung in der Krise? Das ist ein Irrweg, das wird nicht funktionieren!“ Zitat von Thomas Gebauer
Zitat Ende

Es gab spontane Bereitschaft untereinander, im nachbarschaftlichen Kontext. Also war Solidarität etwas, was auf einmal möglich war. Parallel dazu gab es das Bemühen einiger Ländern, sich aus diesen globalen, solidarischen Kontexten zu verabschieden. Die Idee, eine sozialpolitische Idylle nur im eigenen Land aufzubauen oder nur in der eigenen Stadt oder auch nur der Nachbarschaft, die wird nicht funktionieren.

„Helden unserer Stadt“ steht auf einem Banner vor den DRK-Kliniken Nordhessen, das von der Fangruppe Block 30 des Fußballvereins KSV Hessen Kassel vor dem Eingang aufgehängt wurde. Wegen der Corona-Krise gilt ein weitgehendes Kontaktverbot für Hessen. Es dürfen zur noch maximal zwei Personen gemeinsam nach draußen gehen.

Wir leben unter globalisierten Verhältnissen. Wir wissen, wie sich zum Beispiel Pandemien auch über Grenzen hinweg ausbreiten können, wie der Klimawandel Auswirkungen hat, wie das globale Wirtschaftsgeschehen auf unserer Leben Einfluss nimmt. Diese Anzeichen von Globalität erfordern eine globale Handlungsweise.

Wenn es einen Corona-Impfstoff gibt, wird dann unsere Welt eine andere sein? Oder geht einfach alles so weiter wie vorher?

Wir brauchen definitiv mehr als einen Corona-Impfstoff. Gesundheit ist etwas, was wesentlich auch durch soziale Faktoren definiert wird. Nur 15 Prozent der Gesundheit wird durch ärztliches Handeln bestimmt. Das ist wichtig, ganz sicher. Aber es reicht nicht.

Kinder spielen in Südafrika Fußball.

Man braucht darüber eben das Handeln im Sozialen: 40 Prozent des gesundheitlichen Lebens wird durch Ernährung, Ausbildung, Zugang zu Einkommen, würdige Arbeitsplätze, die Verwirklichung der Menschenrechte, all diese Sachen, bestimmt. Die sind durch den Impfstoff noch nicht gegeben. Die müssen anders angegangen werden. Also auch eine Bürgerversicherung würde nur einen Rahmen schaffen, dass Menschen in einer Notsituation behandelt werden. Aber das Positive, das gestalterische Leben, das muss auf andere Weise hergestellt werden. Und da bin ich aber sicher, dass diese Welt reich genug ist, dass sie es schafft.

Die Fragen stellte Christian Sprenger

Sendung: hr2-kultur, 26.6.2020, 17:15 Uhr

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