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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gespräch mit Philosophieprofessorin Eva Weber-Guskar

EvaEva Weber-Guskar  Weber-Guskar

Das Coronavirus hat einige Umbrüche mit sich gebracht und viele ethische Fragen aufgeworfen. Darüber sprechen wir mit der Moralphilosophin Eva Weber-Guskar.

Was wiegt mehr: die Würde des Menschen oder eine Kosten-Nutzen-Abwägung?

Eva Weber-Guskar: Kosten-Nutzen-Abwägung klingt gleich so, als würde man Herrn Schäuble eine utilitaristische Sichtweise unterschieben wollen. Ich glaube, das hat er bestimmt nicht gemeint, als er auf die ökonomischen und sozialpsychologischen Auswirkungen hingewiesen hat. Er hat ja selbst paar Sätze später von der Würde im positiven Sinne gesprochen. Dass sie das Allerwichtigste sei.

Ich möchte zu bedenken geben, dass wir zwei Dinge unterscheiden müssen: das Recht auf Leben und das Recht auf Leben in Würde. Das sind zwei verschiedene Dinge. Das sind zwei in Deutschland in der Verfassung verankerte Prinzipien und fundamentale demokratische Rechte. Aber das heißt nicht, dass die beiden nicht miteinander in Konflikt geraten könnten. Und nur davon hat er gesprochen.

Und eine zweite Unterscheidung ist, dass ein absolutes Recht auf Leben in dem Sinne besteht, dass es niemals gerechtfertigt sein kann, einen unschuldigen Menschen zu töten. Aber in einem Fall der Pandemie geht es um das Recht, keinem Krankheits- oder Sterberisiko ausgesetzt zu werden. Es geht hier nie um direkte Tötung. Und nur insofern, als dass es um das Recht geht, keinem zu hohen Krankheits- und Sterberisiko ausgesetzt zu werden, kann das Recht auf Leben und Gesundheit abgewogen werden mit dem Recht auf Leben in Würde.

Wie lässt sich das denn moralisch rechtfertigen, einen Teil der Bevölkerung zu schützen und dafür in Kauf zu nehmen, dass sich die wirtschaftlichen und bildungspolitischen Rahmenbedingungen des gesamten Landes massiv verschlechtern. Was haben wir denn da für Maßstäbe? Und wie gut sind die?

Eva Weber-Guskar: Da könnte man anknüpfen und sagen: Hier haben wir den Konflikt zwischen Recht auf Gesundheit und Leben und dem Recht auf Leben in Würde. Wobei das Letztere eben meint, dass das Recht auf die Voraussetzungen ist, das eigene Leben in Übereinstimmung mit seinem Selbstbild zu führen – natürlich nur so weit, wie man andere nicht daran hindert das Gleiche zu tun. Und so gehört ein Recht auf Freiheit und physische und psychische Unversehrtheit dazu.

Und jetzt haben wir da offenbar eine Situation, wo das in Konflikt ist. Eine Situation, wo man massive Verschlechterungen in Kauf nehmen muss, die lässt sich nur rechtfertigen, wenn das wirklich der einzige Weg ist. Wenn es der einzige Weg ist, diese Hochrisiko-Gruppe zu schützen. Und ich denke am Anfang, wo vieles unsicher ist, wie sich das Virus verhält, wie genau die Ansteckungszahlen sind, war so ein extremer Shutdown sicher eine nachvollziehbare und begründete Entscheidung. Aus zwei Gründen: Weil man damit Zeit gewonnen hat, sich erst richtig darauf vorzubereiten, in dem man Schutzkleidung besorgt, Krankenhäuser vorbereitet, Forschung zum Virus verstärkt und zweitens, um den Menschen den Ernst der Lage klar zu machen.

Und jetzt sind wir aber schon einen Schritt weiter. Wir sind besser vorbereitet, der Ernst der Lage ist klar. Und dann muss man gucken, ob nicht eine andere Weise damit umzugehen möglich ist. Dass man nicht so massive Einschränkungen und Verschlechterungen in Kauf nehmen muss. Die Frage der Triage – also wer wird behandelt, wenn es eng wird – hat immer wieder zu Diskussionen geführt.

Boris Palmer: Wir retten Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären. Das wirft natürlich ethische Fragen auf. Ist die Überlebenswahrscheinlichkeit das einzig wichtige Kriterium?

Eva Weber-Guskar: Die Frage, wie entscheidet man unter der Bedingung extrem knapper Ressourcen, wer im Konfliktfall die Behandlung erhalten soll? Und da ist tatsächlich die in der Ethik stark vertretene und vorherrschende Meinung, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit bei dieser Rettungsaktion das entscheidende Kriterium ist und nicht die Frage, wie lang die gerettete Person danach zu leben hat.

Ein Beispiel: Wenn man einen 20- und 60-Jährigen hätte, wenn man nicht nur die Überlebenswahrscheinlichkeit sondern die danach zu erwartenden Lebensjahre miteinbeziehen würde, einem 20-Jährigen, der mit Behandlung sicher überleben würde, ohne Behandlung aber höchst wahrscheinlich auch überleben würde, dann noch Vorrang geben müsste, vor einem 60-Jährigen, der wahrscheinlichermaßen nur mit Behandlung überleben würde, ohne Behandlung aber nicht, aber nur wenige Lebensjahre danach zu erwarten hätte – das scheint nicht gerechtfertigt.

Wenn Kinder nicht in die Schule dürfen, sind sie womöglich der Gewalt ihrer Eltern ausgesetzt. Wenn keiner am Sterbebett sitzen darf, müssen alte Menschen in Abwesenheit von Angehörigen sterben. In welches ethische Dilemma geraten wir da?

Genau! Da müssen wir wieder genauer hinschauen. Was steht ethisch auf dem Spiel? Und hinschauen: Was bedeuten die allgemeinen Einschränkungen für einzelne Personen dann konkret? Es ist ja was anderes, ob eine gesunde, mittelalte Person mit Geldreserven unter Bedingungen der Ausgangssperre leben muss, oder ob es darum geht, ob eine schwerkranke Person in den letzten Stunden ihres Lebens alleine sein muss.

Einmal geht es nur um die Einschränkungen von Komfort. Und einmal geht es um die Unmöglichkeit am Lebensende Abschied nehmen zu können, Rückschau halten zu können, sich versöhnen zu können. Und da sieht man, dass im zweiten Fall auf der anderen Seite der Waagschale viel mehr liegt, was zu berücksichtigen ist. Und deswegen sollte man in solchen Fällen immer Ausnahmen zulassen.

Die Fragen stellte Catherine Mundt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 5.5.2020, 17:10 Uhr

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