Jürgen Holtz (1932-2020)

Einer der beeindruckensten Schauspieler ist nicht mehr. Jürgen Holtz starb nach einem langen und intensiven Theaterleben in seiner Geburtsstadt Berlin. Neben Auftritten an DDR-Theatern erhielt er in den 1980er- und 1990er-Jahren mehrjährige Engagements auch am Schauspiel Frankfurt.

Den Mut, den Jürgen Holtz hatte, kann man an einer seiner letzten Rollen festmachen: Am Berliner Ensemble stellte er sich mit 86 Jahren auf die Bühne - splitternackt. Die Haut, wabblig geworden vom Leben, schreckte ihn nicht ab: "Ich muss das volle Risiko eingehen, anders geht es nicht". Holtz spielte den Physiker Galileo Galilei in der Inszenierung von Frank Castorf. Und Holtz stand etwas zerbrechlich, aber mit wuchtigem Text auf der Bühne.

Jürgen Holtz in "Katarakt" von Rainald Goetz

Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Geboren wurde er am 10. August 1932 in Berlin. Nach seiner Schulzeit entschied er sich fürs Theater: Er studierte die Bühnenkunst in Weimar und Leipzig, erste Rollen übernahm er damals in der DDR in Erfurt und Brandenburg. Holtz spielte an der Berliner Volksbühne und am Berliner Ensemble, arbeitete mit Theatermachern wie Benno Besson, Einar Schleef und Heiner Müller zusammen.

Karriere auch in der Bundesrepublik

Anfang der 1980er verließ Holtz die DDR und reiste in die Bundesrepublik und machte Bühnenkarriere. Für seine Darstellung im Drama "Katarakt" von Rainald Goetz in Frankfurt bekam er den Gertrud-Eysoldt-Ring. Auch in Filmen ist er zu sehen, etwa in der DDR-Komödie "Good Bye, Lenin!" und in Margarethe von Trottas Porträtfilm "Rosa Luxemburg".

Ein "Motzki" wie Hunderttausende

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Mut bewies er auch im Fernsehen. Anfang der 1990er Jahre spielte er als Hauptrolle in der ARD-Serie "Motzki" einen hemmungslosen Nörgler, der aus dem Mosern nicht herauskam. Die Serie nahm satirisch die deutsche Wiedervereinigung aufs Korn. Einer von Motzkis Sprüchen: "Die ganze Welt fragt sich: Weshalb kommen die Zonendödels nicht aus ihren Startlöchern raus?" Motzki war eine heikle Rolle, die dem Schauspieler auch Kritik von einigen Zuschauern einbrachte. Holtz sei "ein Grantler, ein feiner Gedankenverfertiger im Sprechen, ein König des Monologs", schrieb 2013 eine Jury von der Stiftung Preußische Seehandlung. Sie sprach Holtz damals den Theaterpreis Berlin für herausragende Verdienste um das deutschsprachige Theater zu.

Theaterkünstler als Kritiker

Die Berliner Akademie der Künste ehrte ihn kurz darauf mit dem Konrad-Wolf-Preis für sein Lebenswerk. "Es geht nicht um Erfolge, es geht um Verwirklichung. Erfolg ist nichts", sagte Holtz in einem Interview der "Berliner Zeitung" vom Januar 2019. Dass ihm die Hauptrolle in Bertolt Brechts "Galileo Galilei" angeboten wurde, hatte er wohl nicht erwartet:

Zitat
„"Wenn man gebauchpinselt wird, freut man sich, aber die Premierenfeier dauert ja nicht ewig.“ Zitat von Jürgen Holtz
Zitat Ende

"Der Dramaturg richtete mir Grüße von Castorf aus und fragte, ob ich diese Rolle spielen will. Ich dachte, ich kriege einen Herzschlag!" Selbst ins Theater ging Holtz nach eigenen Worten nicht mehr. "Die Theater von heute machen aus Poesie Prosa", sagte Holtz, "sie brechen die Kunst herunter auf die kleinen Verhältnisse. Onkel Soundso hat Probleme mit seiner Frau, und das Ganze spielt letztlich auf dem Klo." Aber wenn man die Dinge herunterhole in den Alltag, was bleibe dann übrig? "Warum soll ich mich mit dem Verdunkelten und Verkleinerten zufrieden geben? Warum soll ich die Sterne nicht sehen wollen? Weil sie zu hoch hängen?", sagte Holtz, "das verstehe ich nicht."

Die ARD-Tagesschau erinnert hier an Jürgen Holtz

Sendung: hr2-kultur, 22.6.2020, 9:20 Uhr

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