In Rom singen und spielen Menschen während eines Flashmobs gegen Einsamkeit.

Der Titel erinnert an Gabriel García Márquez‘ Klassiker "Die Liebe in den Zeiten der Cholera". Allerdings handelt es sich hier nicht um Weltliteratur, sondern den Titel einer neuen Studie. Sie untersucht, wie und unter welchen Umständen Musik uns dazu dienen kann, mit einer Krise wie der aktuellen umgehen zu können. Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin der Abteilung Musik am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt ist Mit-Initiatorin dieses neuen Forschungsprojekts.

Wir alle kennen die Bilder von Menschen, die auf Balkonen gemeinsam singen, die selbst gemachte Musikvideos posten, die Hauskonzerte im Internet geben. Warum eignet sich Musik so gut, um über die Distanz hinweg eine Verbindung zu schaffen?

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Studie "Musik in Zeiten von Corona"

Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik
Hier geht es zur Online-Studie
Die Teilnahme dauert etwa 25 Minuten.

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 Melanie Wald-Fuhrmann
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Zum einen erlaubt sie uns ein Miteinander trotz räumlicher Distanz. Wir synchronisieren uns zeitlich, wir machen gleichzeitig miteinander etwas, und dann ist die räumliche Distanz nicht ganz so schlimm. Dann ist Musik auch einfach schön und macht uns glücklich, kann trösten, kann Stress reduzieren. Das ist auch etwas, was wir in der Krise alle gebrauchen können.

Ein paar Formen des Musikmachens haben wir schon angesprochen. Gibt es noch mehr kreative Lösungen, die Sie in Ihrer Studie unter die Lupe nehmen werden?

Was ich sehr spannend finde, sind die Sachen mit dem Live-Stream, live gestreamte Hauskonzerte und dann über soziale Medien verbreitet. Dafür ist ja Twitter nicht erfunden worden. Das gab es vorher auch schon ein bisschen, aber es hatte bei weitem nicht die Zuschauer- und Zuhörerzahlen, die es jetzt gibt.

Lady Gaga bei ihrem Auftritt im Rahmen des virtuellen Konzerts "One World: Together at Home".

Ob das jetzt von Lady Gaga oder Igor Levit ist, überall gibt es Zehntausende von Zuschauern. Was das Internet, die sozialen Medien, aber auch YouTube erlauben und was ein Live-Konzert nicht erlaubt, ist die unmittelbare Interaktion des Publikums miteinander – jedenfalls ein Klassikkonzert erlaubt das nicht. Wenn dann bei Igor Levitt nebenbei der Live-Chat mitläuft und man sieht, wer alles zuhört, was das mit jemandem macht, wie jeder darauf reagiert: Da habe ich einerseits das Gefühl, das ist natürlich ein Ersatz für etwas, was wir gerade nicht haben können – live miteinander Musik erleben – aber vielleicht bietet es auch etwas in Ergänzung dazu, dass es nur ein halber Ersatz ist. Das ist ein Aspekt, den ich wahnsinnig spannend finde.

In Sevilla singt die Sängerin und Schauspielerin Monica Munoz vom Balkon ihres Hauses aus für ihre Nachbarn Opern.

Das andere ist, dass viele Opern- und Konzerthäuser nicht nur alte Aufführungen jetzt aus dem Archiv holen und online stellen, dass man die anschauen kann. Sondern, dass die teilweise auch ein bisschen versuchen, das, was jetzt nicht mehr da ist, zu ersetzen, indem es so eine Art virtuellen Spielplan gibt. Dass man Stücke nur heute oder nur an drei Tagen anschauen kann, was von der Technik her überhaupt nicht zwingend wäre. Aber damit versuchen sie offenbar ein bisschen die Nachahmung des analogen Spielplans mit digitalen Mitteln. Und das scheinen die Menschen auch anzunehmen. Also die Einschränkung der Freiheit des Zugangs auf Inhalte gerne in Kauf zu nehmen, weil es dafür etwas anderes bietet.

"Musik in Zeiten von Corona", das ist der Titel Ihres Forschungsprojekts, das Sie mitinitiiert haben und woran Sie zusammen mit einem internationalen Forscherteam arbeiten. Seit Montag ist die dazugehörige Umfrage online. Der Fragebogen ist recht umfangreich; ich habe mich da mal selber durchgeklickt. Mitmachen kann jeder?

Definitiv, uns interessieren wirklich alle. Und wenn wir am Ende ein für die Bevölkerung repräsentatives Sample haben, wären wir umso glücklicher.

Die Umfrage gibt es momentan auf Deutsch und in der englischen Variante. Wie ich das gelesen habe, kommt noch irgendwann Französisch und Italienisch dazu. Abgefragt wird unter anderem, wie man Musik vor und nach den Corona-Maßnahmen selbst gemacht, gehört und empfunden hat. Was erwarten Sie mit all den Daten, die Sie da sammeln, dokumentieren zu können?

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Studie "Musik in Zeiten von Corona"

Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik
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Die Teilnahme dauert etwa 25 Minuten.

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Zum einen wollen wir schauen, wie viele und welche Menschen nutzen diese neuen "Corona-Formate". Wie entwickelt sich das Online-Hören, das gestreamte Musikhören und Musikschauen in diesen Zeiten. Zum anderen haben wir zwei Fragen oder Hypothesen: Einerseits haben bestimmte Formen des Musikmachens jetzt die Möglichkeit, das Gefühl von Einsamkeit zu reduzieren. Und auf der anderen Seite denken wir, dass Musikhören jetzt häufiger eingesetzt wird, um negative Gefühle wie Einsamkeit, Langeweile, Stress und Angst zu bewältigen.

Wie glauben Sie denn, geht es nach der Corona-Krise weiter? Wird diese Zeit jetzt das Musikleben vielleicht sogar nachhaltig verändern? In welche Richtung könnte es gehen?

In Mainz spielt der Pianist Simon Höneß auf seinem Rollklavier mitten auf der Straße.

Das interessiert mich genauso wie Sie, und genauso wenig wie Sie bin ich eine Prophetin. Aber ich halte es schon für denkbar, dass sich bestimmte dieser Online-Formate, also vor allem des gemeinsamen Hörens und der live gestreamten Konzerte aus einem privaten Kontext wie einem Wohnzimmer, dass sich das hält, weil wir auch entdeckt haben: Das ist spannend und bietet auch etwas Eigenes an. Auf der anderen Seite halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass wir alle miteinander den Live-Aspekt noch mal neu und mehr schätzen lernen.

Das Gespräch führte Tabea Dupree.
Sendung: hr2-kultur, Klassikzeit, 24.4.2020, 10:30 Uhr

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