Schreiende Babys

Wer Muttersprachler ist, hat eine Sprache wie die Muttermilch aufgesogen. Und eigentlich fängt das Erlernen der Sprache ja noch früher an. Schon im Mutterleib hören wir das erste Konzert.

Der Sound ist gedämpft. Aber man hört den Beat. Das Schlagen des mütterlichen Herzens. Die Organe gluckern dazu wie Streicher oder Bläser-Gruppen. Und dann die Stimme: immer wieder eine ähnliche Sprachmelodie, bestimmte Pausen, und das Lachen als Refrain.

Wenn das kleine Wesen dann geboren ist und das eigene Stimmchen ausprobiert hat, fällt ihm bald auf, dass die mütterliche Stimme ohne Fruchtwasser-Dämpfung ganz anders klingt, mit viel Zischen und Schnalzen. Aber Stimmhöhe und Sprachmelodie der Mutter wird man ein Leben lang wiedererkennen. Der Klang beruhigt.

Und irgendwann bedankt sich das Kleinkind mit der schönen, und einfach zu formenden Lautfolge: Mma-Mmma! Ja, wie sie lacht, wenn das Kleinkind das erste Mal auf ein haariges, lautes Wesen zeigt und sagt: Wau-Wau! Genau! Und als der Onkel mit dem wuchernden Hipster-Bart zu Besuch kommt, sagt das Kleinkind wieder „Wau Wau“. Und alle lachen. Nur nicht der Onkel. War ja auch eher ein Mutterwitz.

Das Kind lernt nun, Wörter nachzusprechen und manche nie auszusprechen, obwohl sie auch der Mutter immer wieder rausrutschen, wie das mit „Sch“… Und so vergehen die Sprachlernjahre, der Kindermund formt muttersprachliche Wörter, die der Mutter gar nicht gefallen wie Taschengelderhöhung oder: Weißichdochnichtwannichheimkomm.

Es ist jene Zeit, in der das Kind die Hochsprache, vielleicht schon Fremdsprachen lernt; und vor allem übt es, so zu nuscheln, dass zwar Geschwister und Freund, aber nicht die Mutter mitkriegen, worum es gerade geht. Dann ist eigentlich das Ziel erreicht: der Erwerb der Muttersprache kann als abgeschlossen gelten.

Und ganz voll ist das muttersprachliche Maß, wenn viele Jahrzehnte später das einstigen Kind hören muss: "Jetzt hast Du gerade geklungen wie Deine Mutter!"

Lust auf mehr Sprachspielereien? Hören Sie das Pfingstprogramm in hr2-kultur!

Sendung: hr-kultur, 22.5.2021