Raimund Fellinger (1951-2020)

Der langjährige Cheflektor des Suhrkamp-Verlags, Raimund Fellinger, ist tot. Er starb am Samstag im Alter von 68 Jahren in Frankfurt. Nach seinem Studium der Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaft trat er 1979 eine Stelle als Lektor im Suhrkamp-Verlag an und übernahm im darauffolgenden Jahr die Verantwortung für die Edition Suhrkamp.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ich merkte: Raimund Fellinger zieht mich in seine innere Seelen-Familie mit hinein." Schriftsteller Andreas Maier über seinen Lektor

Andreas Maier
Ende des Audiobeitrags

Fellinger war auch Präsident der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft. Der Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) hatte Fellinger als "den verläßlichsten Lektor, den sich bis zur Selbstaufgabe hingebenden Arbeiter am Text, den Mitdenker der Inhalte der Verlage, den Mann, der sich so bedingungslos für 'seine' Autoren einsetzt" bezeichnet.

Der in Dillingen/Saar geborene Fellinger war als Lektor und Herausgeber unter anderem für Peter Handke, Thomas Bernhard, Uwe Johnson, Christoph Hein und Peter Sloterdijk zuständig. Daneben betreute er unter anderem die Werke von Christa Wolf, Peter Weiss, Cees Nooteboom und Max Frisch.

Raimund Fellinger (1951-2020)

Nach seinem Studium der Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaft war Fellinger nach Verlagsangaben seit 1979 Lektor bei Suhrkamp, 2006 wurde er dort Cheflektor. Seit 2010 war er zudem Cheflektor des zu Suhrkamp gehörenden Insel Verlags. Fünf Jahre später rückte er als Mitglied in die Geschäftsleitung des Suhrkamp Verlags. Die Universität Greifswald verlieh Fellinger 2012 die Ehrendoktorwürde für seinen Einsatz für die deutsche Gegenwartsliteratur und -kultur. Nach Universitätsangaben hatte Fellinger als Vorstandsmitglied der Peter Suhrkamp Stiftung die Arbeit des Wolfgang-Koeppen-Archivs intensiv gefördert und Forschungsarbeiten über den aus Greifswald stammenden deutschen Nachkriegsliteraten unterstützt. Ebenfalls 2012 ernannte ihn der französische Kulturminister zum "Chevalier" im "l’ordre des Arts et des Lettres" für sein Wirken im literarischen Bereich.

Stimmen zum Tod von Raimund Fellinger

Zitat
„Er wusste, dass die Welt mit einem Komma stehen oder fallen kann. Im Laufe des Lebens begegnet man nicht eben vielen solchen Menschen. Von ihm konnte man lernen. Zum Beispiel, dass man Leuten, die ein Komma hier oder dort für ein nicht weiter entscheidendes Detail halten, keine größere Beachtung schenken muss.
Generationen von Lesern sind mit seiner Arbeit aufgewachsen, sind mit ihm überhaupt erst zu Lesern geworden. Wer – wie ich – in den Achtzigerjahren im Deutschunterricht oder im Studium suhrkamp taschenbücher von Peter Handke oder Thomas Bernhard las, las auch Raimund Fellinger, ohne dabei seinem Namen zu begegnen.
Für Lektorenkollegen, die sich öffentlich als "große Unbekannte" inszenieren, hatte er nicht viel übrig. Nicht, dass er sich hätte verstecken wollen. Aber Nichtleser mit Geschichten aus der Literaturwelt bedienen? Dafür war ihm die eigene Lebenszeit schlicht zu schade. Er wollte ein Lektor für Leser sein. Seinem Selbstverständnis entsprach es, im Text selbst Spuren zu hinterlassen: in einem hinzugefügten Komma, in einer Leerzeile, in einem gestrichenen Satz.“
Zitat von Schriftsteller Marcel Beyer auf Zeit online
Zitat Ende

Rainer Fellinger im Gespräch mit Andreas Maier (Youtube)

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts
Zitat
„Kurze Charakteristik seines Lektorats. Die erste Maxime könnte man so ausdrücken: Der Text soll immer näher zu seinen eigenen Möglichkeiten kommen. Sozusagen noch dichter an seine eigene Sprache heran.
Zweite Maxime: Es kann alles im Text falsch sein. Einmal retournierte er mir ein Romanmanuskript und sagte vorab am Telefon: Es kommt etwa 150 Mal das Verb 'stehen' vor.
Ich: O Gott. Er: Ich erkläre dir, warum. Im ersten Teil des Romans geht es um ein Bücherzimmer. Da stehen Schränke, Stühle, Bücher, alles steht. Dann kommt ein Rockkonzert. Publikum steht, Menschen stehen, Musiker stehen. Dann schreibst du über ein Theaterstück, da steht auch alles auf der Bühne.
Ich: Verdammt, Raimund, wie soll ich das jetzt noch ändern?
Einen Tag später drückte er mir das Manuskript in die Hand, und es war wie ein gemachtes Bett. Ohne jeden Folgefehler hatte er Alternativen vorgeschlagen, die ich einfach nur noch übernehmen musste.“
Zitat von Schriftsteller Andreas Maier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Zitat Ende
Peter Handke (li.) und Raimund Fellinger
Zitat
„Mit Umsicht, Kompetenz und großer Energie hat Raimund Fellinger die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft aufgebaut und geformt. Sein großes Ziel war die internationale, lebendige Wahrnehmung des Werkes von Thomas Bernhard.
Dafür hat er bis zuletzt gearbeitet und gekämpft. Er war dabei auch ein streitbarer, mit einem durchaus dramatischen Talent gesegneter, leidenschaftlicher Präsident.
Er ging selten Konflikten aus dem Weg, wenn er der Meinung war, dem Dichter Thomas Bernhard wird Unrecht getan und mit Inkompetenz begegnet. Er wollte mit seinem großen Wissen und Gespür im besten Sinne ein Hüter und Bewahrer für die Literatur sein, unermüdlich und mit ganzem Einsatz.
Sein Tod ist ein großer Verlust für uns alle, für die Gesellschaft, für den Verlag und vor allem für die Literatur.“
Zitat von Christiane Schneider, Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft
Zitat Ende

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 27.4.2020, 16:15 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit