Stimmungsaufheller

Es hat schon seit Tagen nicht mehr an der Tür geklopft. Ich bin froh, dass ich so ein Türklopfen überhaupt noch erkenne. "Wer ist da?", sagt es und sogar meine Stimme erkenne ich noch von früher. "Onkel Theo", antwortet es. Die Tür geht auf. Die Tür ist schon seit Tagen nicht mehr abgeschlossen. Die Tür wird in der Isolation immer offener, aber kaum noch berührt. Sie seufzt beim Öffnen.

"Wir sollen doch jetzt alle im Haus bleiben und da dachte ich, ich komm mal rein," sagt Onkel Theo. "Jeder in seinem eigenen Haus," antworte ich. Dass es da keinen Kaffee mehr gäbe, sagt er, und dass das doch kein Grund sei, sage ich. "Tröpfcheninfektion", sage ich. "Vermeidung von Sozialkontakten", sage ich. "Zwei Meter Abstand", sage ich.

Wir hätten ja beide seit über einer Woche keinen Menschen mehr gesehen und da gehe ein Sozialkontakt, also nur dieser eine, ganz kleine Sozialkontakt zu meinem Onkel Theo doch wirklich in Ordnung. Ich hätte gerne, dass er Recht hat, es gibt nur ein kleines Problem. Ich habe gar keinen Onkel Theo. "Jetzt schon", sagt Onkel Theo. Aber man hat doch keinen Onkel Theo, nur weil man das jetzt gerne hätte. "Nicht?", sagt Onkel Theo. "Oh. Dann geh ich jetzt wohl besser wieder."

Unsere Blicke verlieren sich in zwei Metern Abstand. Gerade rechtzeitig fällt mir ein: "Wenn man ein Haus betritt oder verlässt, muss man die Hände waschen." "Mindestens 20 Sekunden mit Seife", antwortet Onkel Theo. Das weiß ich, das wissen wir alle.

Wir wissen auch, dass 20 Sekunden eine sehr lange Zeit ist, weil alle Zeit gerade sehr lang ist. Auf jeden Fall lang genug, um einen Kaffee aufzusetzen. "Wenn deine Hände sauber sind", sage ich, "kannst du dich ans andere Tischende setzen." Das andere Tischende ist genau zwei Meter weit weg, weil gerade alles, restlos alles, genau zwei Meter weit weg ist.

Sendung: hr2, Kulturfrühstück, 23.03.2020, 6:05 - 9:30 Uhr

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