Das Isenburg-Quartett

Ein neues Festival auf dem ehemaligen Clariant-Gelände in Offenbach löscht den Durst nach Kultur: Bis Ende August präsentieren die Parkside Studios jede Woche abends von Donnerstag bis Samstag Livemusik und Open-Air-Kino. Am Donnerstag war dort das Isenburg-Quartett zu erleben. Meinolf Bunsmann war für uns dabei.

"Parkside im Hof" in Offenbach kennen noch nicht so viele. Ich muss gestehen, ich bin eine davon. Was genau ist das für eine Location?

Ja, das ist so eine Art Niemandsland irgendwo mitten in der Stadt. Und irgendwie auch nicht. Denn das ist eine riesige Industriebrache, auf der die Parkside Studios sind. Die Stadt Offenbach hat das riesige Gelände von einem Chemiekonzern gekauft, der früher dort produziert hat. Und auf diesem Gelände soll nicht irgendein Gewerbegebiet entstehen, sondern ein "Innovationscampus". Was es schon gibt, das sind eben die Parkside Studios, ein denkmalgeschütztes ehemaliges Industriegebäude, das für kulturelle und viele andere Events genutzt wird und eben auch mit dem Kulturamt der Stadt Offenbach ein Open-Air-Festival veranstaltet – zum ersten Mal in diesem Jahr unter Corona-Bedingungen, Respekt!

Parkside Studios Offenbach

Und so ein Festival lebt natürlich nicht nur von dem Event, sondern auch von der Atmosphäre. Und das war gestern Abend wirklich toll. Wunderbares Wetter, das war trotz Corona fast wieder ein Stück Normalität im Konzertbetrieb. Man sitzt draußen luftig im Innenhof vor einem weißen Bühnenzelt, zischt eine Limo oder ein Bier, knabbert Erdnüsschen und freut sich nicht nur an der Musik, sondern muss natürlich auch klarkommen mit dem Lärmgrundpegel einer Stadt wie Offenbach mit Autoverkehr, Flugzeugen am Himmel oder einmal auch mit einem Schaufelbagger auf den Nachbargelände. Aber so etwas passt natürlich auch zu diesem ehemaligen Industriegelände. Hundert Personen dürfen in den Hof. Wir waren gestern rund 80, trotzdem wohl mehr, als die Veranstalter erwartet hatten. Denn die Programmzettel waren ausgegangen, aber die Stücke wurden auch vom ersten Geiger angesagt. Und wir alle, glaube ich, haben diesen leichten und sommerlichen Abend wirklich genossen.

Ich bin neidisch. Zu Gast war gestern das Isenburg-Quartett mit Kammermusik. Sie haben gerade gesagt, die Nebengeräusche waren da. Nun ist es bei einem Streichquartett ja so, dass die sich akustisch nicht ganz so durchsetzen können wie beispielsweise ein Blechbläserquartett. War das ein Problem?

Nein, das Isenburg-Quartett hat nämlich verstärkt gespielt. Anders hätte es auch gar nicht funktioniert, glaube ich. Bei klassischer Musik bin ich normalerweise kein Fan von Verstärkung durch Lautsprecher. Aber die vier Musiker hatten professionelle Tonabnehmer auf ihren vier Streichinstrumenten. Und gehört hat man dann die Musik direkt von der Bühne, von den Instrumenten selbst, aber eben auch durch mehrere Lautsprecher. Ich habe circa 15 Meter entfernt von der Bühne gesessen und fand manchmal im Gesamtklang die erste Geige etwas zu laut. Aber trotzdem war das dann doch eine sehr ansprechende Lösung.

Das Isenburg-Quartett besteht aus Musikern, die fast alle aus den Reihen des "Ensemble Modern" kommen. Stand da auch zeitgenössische Musik auf dem Programm?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kritik: Das Isenburg-Quartett spielt in "Parkside im Hof"

Isenburg Quartett
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Eine berechtigte Frage, wenn man sich das doch meist zeitgenössische Repertoire des "Ensemble Modern" anguckt. Aber beim Isenburg-Quartett ist alles anders gewesen. Das war wirklich ein leichtes sommerliches Serenaden-Programm: ein frühes, heiteres, spritziges Streichquartett, das lange Zeit Joseph Haydn zugeschrieben wurde, aber eigentlich der deutsche Komponist Roman Hofstetter geschrieben hat.

Nach Klassik dann Romantik: das zweite Streichquartett des Russen Alexander Borodin, geschrieben für seine Frau – eine wirkliche Liebeserklärung mit wunderbaren Melodien. Der erste Geiger Jagdish Mistry hat auf den Dialog von der ersten Geige und dem Cello aufmerksam gemacht, und das scheint wirklich wie ein liebevolles Gespräch von Ehefrau und Ehemann zu sein.

Und dann die "Moderne" ist dann am Schluss gekommen: fünf griechische Tänze von Nikos Skalkottas. Und auch wenn Skalkottas in den 1920ern mit Zwölftonmusik experimentiert hat, seine griechischen Tänze sind doch eher eine Verarbeitung von griechischer Volksmusik in der Kunstmusik, wie das zum Beispiel Béla Bartók mit der ungarischen Musik gemacht hat. Das sind fünf Stücke mit einer ganz eigenen Melodik, trotzdem tonal und gut nachvollziehbar. Man ertappt sich dabei, wie der Fuß dann im Rhythmus mitwippt, also insgesamt einen wunderbar leichtes und abwechslungsreiches Programm.

Open air zu spielen ist ja auch für die Musiker nicht ganz einfach. Ein Quartett-Konzert im Kammermusiksaal, wo alle mucksmäuschenstill sind, ist natürlich etwas anderes, wenn die vier Musiker die feinsten Nuancen rüberbringen können und sich auf der Bühne auch gut untereinander hören. Aber ich finde, das Isenburg-Quartett hat das gestern gleichzeitig sehr präzise und trotzdem auch ausgelassen gespielt. Man hat einfach gemerkt, die Musiker hatten Spaß und Lust, endlich mal wieder vor Leuten zu spielen. Und diese Energie, die hat sich auf das Publikum übertragen, das ja auch Lust hatte, mal endlich wieder Live-Musik zu hören. Die Stimmung war also ziemlich entspannt.

Es gab noch eine Zugabe. Die Musiker haben nach dem Konzert auch noch mit vielen gesprochen. Und erst bei der Rückfahrt nach Hause, als ich mir für die S-Bahn die Gesichtsmaske aufgesetzt habe, habe ich gemerkt: Stimmt, da war ja noch dieses blöde Corona-Virus, denn vorher war das 90 Minuten lang weg.

Weitere Informationen

Parkside im Hof

Das Programm auf den Seiten der Stadt Offenbach

www.offenbach.de

Ende der weiteren Informationen

Das Parkside-im-Hof-Festival geht gleich heute Abend weiter, und zwar mit Kino-Open-Air mit zwei völlig neu vertonten Folgen der legendären Fernsehserie Raumschiff Enterprise. Und zwar unter dem Motto "Space Poetry", also noch mal was ganz anderes in den Offenbacher Parkside Studios. Los geht es um 19:30 Uhr.

Die Fragen stellte Anna Engel.

Sendung: hr2-kultur, "Frühkritik", 24.07.2020, 7:30 Uhr

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