Patrick Stegemann

Wie rechte Mobilmachung im Netz funktioniert, erklären Sören Musyal und Patrick Stegemann in ihrem gerade erschienenen Buch "Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen". Die beiden haben sich undercover in rechte Netzwerke eingeschleust, um heraus zu finden, wie sie organisiert sind und finanziert werden. Denn nur wenn klar ist, wie die Strukturen der Neuen Rechten aussehen, kann ihr Einfluss gestoppt werden.

hr2-kultur: Wie funktioniert Mobilmachung im Netz? Wie werden hier Menschen in die rechte Szene gelockt?

Patrick Stegemann: Die rechte Mobilmachung hat im Grunde zwei Ziele. Zum einen Menschen in die Szene zu führen und sie zu radikalisieren und sie auf der anderen Seite uns alle zu beeinflussen. Zu beeinflussen über was und wie wir über Dinge reden, den Diskurs zu verschieben, wie die Neue Rechte auch selbst sagt. Diese rechte Mobilmachung ist sowohl eine verdeckte, als auch ein ganz offener Angriff auf die freie Gesellschaft.

Das ist ein ganz offener Angriff, weil sie in ihren Strategienpapieren, in ihren Büchern, in ihren Videos, die wir uns angeschaut haben, ganz offen davon sprechen. Sie wollen nicht Teil eines Diskurses sein, sondern diesen Diskurs abschaffen.

Und es ist verdeckt, weil gerade das, was wir uns angeschaut haben, nicht so aussieht, so brutal und liberalismusfeindlich, sondern im modernen Gewand daherkommt, in schönen Fotos und Videos.

Auf welchen Plattformen sind Rechte denn aktiv?

Stegemann: Auf allen Plattformen, in denen wir im Grunde auch aktiv sind. Es gibt natürlich große Facebook-Gruppen, es gibt natürlich Menschen bei Twitter. Was häufig unterschätzt ist, wie pop-kulturell die Neue und Extreme Rechte auf Instragram oder Youtube daherkommt. Wie groß auch das Netzwerk Extrem-Rechter-Influencer*innen ist.

Sie haben für Ihr Buch mit vielen Rechten gesprochen, auch mit jungen Extremisten. Wie haben Sie diese im Gespräch erlebt?

Stegemann: Man muss als Journalist kritisch reflektieren, welche Rolle spielen wir eigentlich in ihrem "game"? Weil sie natürlich nicht zufällig mit uns reden, sondern weil sie die Aufmerksamkeit genießen, weil wir auch Teil ihrer Medienstrategie sind. Weil sie mit uns sprechen, ganz freundlich häufig. Am Ende sitzen da natürlich auch zwei oder drei Menschen zusammen und dann begegnet man sich - auch als Gleichaltrige letztlich - was nicht darüber hinwegtäuscht, dass sie menschenverachtende Ideologien haben und das wir eine Rolle darin spielen.

D.h. sie sprechen mit uns, sie können darüber berichten, das wertet sie gewissermaßen auch auf - gerade, wenn man wie ich öffentlich-rechtlich arbeitet - dessen muss man sich auch immer bewusst sein. Und auf der anderen Seite könne sie dann wieder eine Empörungsspirale in Gang setzen, weil wir natürlich, das ist ja unsere Pflicht als Journalisten, darauf hinweisen, wie menschenverachtend ihre Ideologie ist. Und das können sie dann benutzen. D.h. es ist auch eine schwierige Aufgabe für uns als Journalisten.

Wir starten wir eine Gegenbewegung im Netz?

Stegemann: Wir werden das nicht aufhalten können. Wir als demokratische Mehrheitsgesellschaft, die wir ja sind, als Zivilgesellschaft auch als Journalisten und Bürger*innen müssen uns einbringen. Dass wir auf diesen Plattformen sind und das wir mitsprechen. Das wir auch gerade als Medienschaffende auf diesen Plattformen sind und ihnen die nicht überlassen. Das bedeutet konkret, wir müssen uns fragen: Was ist eigentlich so etwas wie eine digital-wehrhafte Demokratie. Wir haben ja im realen Leben eine ganze Menge Tools um den Demokratiefeinden zu begegnen: Demonstrationen, funktionierende Medien, Medienaufsicht, Parteien, Gewerkschaften... wir haben viel von dem digital nicht, all das, was die Zivilgesellschaft ausmacht.

Unter dem Motto "Erregungen" wollte das 10. Literaturfestival FrankfurtRheinMain literaTurm die zunehmende Gereiztheit gesellschaftlicher Debatten in den Fokus stellen. Gespräche mit ausgewählten Festival-Mitwirkenden hören Sie vom 23. bis 27. März im hr2-Kulturfrühstück und hr2-Kulturcafé und können Sie online hören.

Die Fragen stellte hr2-Moderatorin Cathrine Mundt.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 27.03.2020, 17:05 Uhr.

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