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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Pierre Ibisch über das Waldsterben

Pierre Ibisch

In Zeiten von großen Dürreperioden und Klimawandel sind die Funktionen, die der Wald erfüllt, für uns alle wichtiger denn je: Reinhaltung der Luft, Auffangen des Wassers, Kühle und die Erholung, die er uns bietet, müssen erhalten werden.

Aber wie gehen wir mit ihm um? Der Biologe Pierre Ibisch ist Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und er sieht ein Problem u.a. in der Holzwirtschaft: deren Interessen und eine nachhaltige Waldbewirtschaftung passen seiner Ansicht nach oft nicht zusammen: Monokulturen, Abtransport von Totholz und Waldschneisen für die Baumfällarbeiten widersprechen einem zukunftsgerichteten Umgang mit dem Wald.

Der Wald war schon vor Corona ein großes Thema, gerade weil auch die Trockenheit der letzten Sommer unserem Wald so zugesetzt haben, dass es auch dem Laien nicht verborgen geblieben ist. Aber welche Schäden unseres Waldes haben ihre Ursachen im Klimawandel und welche im forstwirtschaftlichen Umgang?

Pierre Ibisch: In Deutschlands Wäldern bietet sich teilweise ein erschreckendes Bild. Die Zahlen liegen ja vor, die vorläufigen Zahlen, die bedeuten, dass im letzten Jahr vermutlich Wälder in der Größe des Saarlandes geschädigt worden sind. Und tatsächlich findet man vor allem in den Mittelgebirgen vielerorts absterbende oder tote Bäume.

Das sind dann meist die Fichten, die in der Vergangenheit gepflanzt worden sind, häufig natürlich in Monokultur, die sind jetzt besonders stark betroffen. Nicht plötzlich, sondern das ist ein Phänomen, das sich schon seit längerem abzeichnet, dass diese Plantagen empfindlicher sind gegenüber Stürmen, das Sturmwurf auch die Ausbreitung von Borkenkäfern bedingt hat. Die Borkenkäfer kommen leichter über den Winter, vermehren sich leichter, wenn Winter wärmer sind und da gibt es tatsächlich eine Verquickung von verschiedenen Ereignissen, die Wetter sind, sicherlich auch Klima. Am Ende auch die Forstwirschaft, die Art und Weise, wie unsere Wälder eingerichtet worden sind. Ich glaube es ist lange bekannte, dass die Monokulturen empfindlicher sind und jetzt sieht es so aus, als ob wir die meisten dieser Bäume verlieren werden.

Was sind denn weitere Kritikpunkte von Ihnen am erwerbsmäßigen Umgang mit dem Wald?

Ibisch: Im Wald ist die Nutzung effizenter geworden, auch aus ökonomischer Sicht, in den letzten Jahrzehnten. Das heißt es hat eine "Mechanisierung" stattgefunden. Was sich besonders anbietet in den Monokulturen, wo entsprechende mit sehr großen Maschinen - so genannte "Harvester" in den Wald gefahren wird, auf so genannten "Rückegassen", die dann in bestimmten Abständen eingerichtet werden - alle 20 Meter ist der gängige Abstand. Und diese Befahrung mit großen Maschinen zu einer langhaltigen Schädigung im Bodenbereich führen. Natürlich haben wir die Verluste vor allem auch in Struktur, Vielfalt und biologischer Vielfalt. Es sind einfach sehr viel weniger Arten im Wald und das macht dieses System erheblich anfälliger gegenüber Störungen und gegenüber Klimawandel.

Aber dann haben wir immer noch die Schäden, die der Klimawandel verursacht hat...

Ibisch: Inzwischen müssen wir natürlich über eine ganz andere Situation reden. Was wir im Moment erleben ist ja, dass diese intensiv genutzten Monokulturplantagen zusammen brechen. Da ist jetzt das Problem, wie mit diesen Flächen umgegangen wird. Was macht man mit den absterbenden oder toten Beständen? Wie wird reagiert durch die Forstwirtschaft? Durch einen Kahlhieb. Wir sehen überall diese Bergungshiebe, die häufig, vorgeblich auch passieren, um die Borkenkäfer weiter einzudämmen. Darüber müssen wir aber nicht mehr sprechen, das funktioniert nicht. Er hat sich in der Vergangenheit ausgebreitet, obwohl diese Hiebe durchgeführt wurden. Und jetzt ist der Befall so massiv, das kann man nicht mehr aufhalten.

Das heißt, das Holz wird geborgen um es noch auf den Markt zu bringen, um es in Wert zu setzen. Was unter fragwürdigen Umständen geschieht, jetzt da der Holzpreis völlig im Keller ist, teilweise die Exportmärkte auch nicht erreicht werden, das Holz wirklich verscherbelt wird. Zurück bleiben riesengroße kahle Flächen - ich hab meinen Augen nicht trauen können, vor einem Jahr hätte ich mir das nicht vorstellen können - auf Kahlhieben zu stehen in Deutschland, an Steilhängen. 45 Grad Hangneigung und diese Hänge sind kahl, wo jetzt entsprechend Bodenerosion passiert, also wiederum noch stärkere, weitere Bodenschädigung. Diese Flächen werden sich aufheizen und wir gehen potenziell wirklich in eine Eskalation der Waldschädigung.

Was müsste man tun, es gibt ja Förderungen, um den Wald zu retten. Würden Sie diesen lieber sich selbst überlassen?

Ibisch: Ich denke, man könnte Förderung gezielt einsetzen um Waldbesitzern Schäden, die ja nun mal da sind, zu kompensieren. Und sie dazu zu bringen, das tote oder absterbende Holz auf der Fläche zu belassen. Was dann passiert, ist dass sich ein viel strukturreicherer und biologisch vielfältiger Wald eingestellt hat - nach einigen Jahrzehnten. Und im Moment passiert das auch immer noch. Wir beobachten das ja auf den Flächen, vor allem, wenn dieses viele tote Holz dort liegt.

Wenn nach den Sturmwürfen noch dicke Stämme da liegen, die sich ganz langsam zersetzen, die sind nass, das sind Wasserspeicher. Auf den Stämmen keimen junge Bäume, die deutlich besser versorgt sind. Und die ganze Vielfalt, das sind entsprechend vielleich wieder Fichten dabei, aber auch Laubbäume, Hainbuchen, Eichen, Buchen, eine große Zahl von Bäumen, von der wir nicht wissen welche in Zukunft dem Klimawandel trotzen können und wirklich alt werden. Aber da geht es im Moment nicht drum, es geht darum die Flächen funktional zu halten und ein Waldökosystem zu halten. Und das ist mehr als ein paar Bäume. Da gehören auch die Pilze dazu, die Mikroorganismen, die in einem abgestimmten Gefüge zusammen arbeiten, sich gegenseitig befördern und das Ökosystem leistungsfähig machen.

Die Fragen stelle Martin Maria Schwarz.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 14.05.2020, 17:10 Uhr.

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