Pollatscheks Kanon - J. K. Rowling - Harry Potter

Letztens hat mich jemand gefragt, warum meine Generation Harry Potter eigentlich so liebt. Von meinem elften bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr habe ich praktisch jedes Jahr einen Potter gelesen. Dazwischen haben wir auf den nächsten Band gewartet. Meine besten Jahre habe ich Harry geopfert. Und nie darüber nachgedacht warum. Die offensichtlichen Sachen sind es schon mal nicht.

Es ist nicht die Handlung

Denn im Prinzip geht es in Harry Potter auch nur um das, worum es in Fantasy immer geht: um den Kampf zwischen Gut und Böse. Es sind auch nicht die Figuren, denn die sind gerade in den ersten Büchern ziemlich platt: Vom bemitleidenswerten Waisenkind Harry, zur besserwisserischen Hermine oder dem liebenswert verpeilten Ron – J. K. Rowling greift tief in die Klischee-Kiste. Die Zaubersprüche, die Fabelwesen, oder das Quidditsch ist es auch nicht. Es gibt viele Bücher, die fantastische Welten erschaffen, aber nur einen Harry Potter.

Viel Wirkung mit wenigen Worten

Ich glaube, was Harry Potter ausmacht, ist etwas ganz anderes, nämlich: Ökonomie der Sprache. J. K. Rowling versteht es mit wenigen Worten sehr viel Wirkung zu erzeugen. Ich gebe zu, dass sieht man den 7 dicken Bänden erstmal nicht an. Aber ich glaube, es stimmt trotzdem. Denn die dicken Wälzer braucht es um in den emotionalen Höhepunkten – und von denen hat Harry Potter eine Menge – dann auf einmal ganz knapp sein zu können.

Marmelade auf der Frühstückszeitung

Dass Rowling mit wenigen Worten viel ausrichten kann, merkt man von Anfang an: Alles was wir über Harrys Ziehfamilie, die Dursleys, wissen müssen, steckt schon im ersten Satz, in dem wir erfahren, dass sie "stolz darauf waren, vollkommen normal zu sein." Genauso, wie Rowling Mr. Dursleys verwirrt-überforderte Stimmung später damit auf den Punkt bringt, ihn Marmelade auf seine Frühstückszeitung streichen zu lassen.

Rowling hat die Gabe des knappen Wortwitzes und der beiläufigen Tiefe. Vor allem aber kann Rowling diese Kunst der Kürze über viele Bücher hinweg mit Länge kombinieren. In Harry Potter konstruiert sie über tausende Seiten eine Welt, in der die Beziehungen, Hintergründe und Bedürfnisse der Figuren so klar sind, dass sie - wenn es drauf ankommt - mit minimalistischen Mitteln maximale Emotionen erreichen kann. Am klarsten wird das in den Todesfällen der letzten Bücher.

"Hier liegt Dobby, ein freier Elf."

Das lässt Rowling Harry im letzten Band auf einen Grabstein schreiben. Das scheint erstmal nicht viel, verwandelt mich aber bis heute in ein kleines Häufchen Tränen. Dass dieser Satz so reinhaut, funktioniert, weil er über tausende Seiten aufgebaut wurde. Als Potter-Leser weiß man längst, was es für einen Elf bedeutet frei zu sein. Man weiß, unter welchen Umständen Dobby versklavt war und wie Harry ihn befreit hat. Man weiß, dass Elfen traditionell Diener sind und mit der Freiheit hadern. Man weiß, dass Dobby es am Ende schaffte, stolz zu sein auf seine Freiheit.

Als Dobby schlussendlich für Harry sein Leben opfert, da ist es fast unerträglich traurig. Gleichzeitig ist es triumphal, denn es bedeutet, dass Dobby ein Leben hat, das er für andere opfern kann. Nach sechs Bänden Potter weiß man, dass Harry gar nichts größeres auf Dobbys Grabstein schreiben könnte, als eben diese sechs kurzen Worte: "Hier liegt Dobby, ein freier Elf." Die Genialität von Joanne K. Rowling liegt darin, dass sie es genau hiermit belässt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 11.9.2019, 8:30 Uhr

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