Pollatscheks Kanon: Margaret Atwood

Literaturnobelpreise sind nicht ganz einfach. Gibt man den Preis an einen alternden amerikanischen Pop-Star mit mittelguten Texten, gibt's einen Skandal. Wenn man dann über Jahre hinweg sexuellen Missbrauch verschleiert und sich in Korruptionsaffären verstrickt, gibt's schon wieder einen Skandal.

Und wenn man dann denkt: dieses Jahr machen wir alles richtig und geben den Preis an einen Genozid-Leugnenden Milosevic-Verehrer - Sie glauben es nicht: Skandal. Man kann es den Leuten einfach nicht Recht machen. Ich habe großes Mitleid mit dem Nobelpreiskommittee. Und will auch meinen Beitrag zur Versöhnung leisten.

Pollatscheks Nobelpreiskorrektur: Weltliteratur als Skandalvermeidung durch Qualität und Menschlichkeit

Menschen, die den Literaturnobelpreis mehr verdient hätten als Bob Dylan oder Peter Handke gibt es viele. Zu viele. Eine, die auf meiner Liste ganz oben steht, ist Margaret Atwood. Atwood hat mit "Der Report der Magd" ein Ausnahmewerk geschaffen. Als das Buch 1985 veröffentlicht wurde, war es sprachlich brillant, formal erfindungsreich, es hatte emotionale Tiefe. Und gleichzeitig wirkte es politisch übertrieben.

Es spielt in einer Welt die ökologisch so ruiniert ist, dass sie zu großen Teilen nicht mehr bewohnbar ist. Wie albern, dachte man damals. Was für eine Übertreiberin. Noch als ich das Werk 2005 als Pflichtlektüre in der Schule lesen musste, fanden wir diese Öko-Dystopie weltfremd. Heutige Schüler wissen es besser.

Die soziale Dystopie

Und auf der Folie dieser unbewohnbaren Welt, erschafft Atwood dann eine soziale Dystopie. Da die Menschheit durch die allgemeine Verseuchung größtenteils unfruchtbar ist, werden die wenigen fortpflanzungsfähigen Frauen versklavt. Als Mägde müssen sie den Machthabern sexuell dienen, ihnen Kinder gebären, die dann von anderen aufgezogen werden. Frauen als Geburtsmaschinen ohne intrinsischen Wert, wie albern, dachte ich damals, was für eine Übertreiberin.

2005, als ich den Report der Magd las, dachte ich, dass der Feminismus ja im Prinzip gewonnen hatte. Eigentlich war er überflüssig. Wir waren frei und konnten über unsere Körper bestimmen und was noch nicht gleich war, war kurz vor gleich und würde auch gleich gleich sein. Heute weiß ich es besser.

Und nichts scheint sich verändert zu haben

In Amerika regiert einer, der Frauen bei der Pussy greift. In England regiert einer, der empfiehlt fremden Frauen an den Hintern zu greifen und in Deutschland darf man Frauen öffentlich als "Drecksfotze" bezeichnen, aber man darf sie nicht über die medizinischen Möglichkeiten aufklären, die ihnen im Fall einer ungewollten Schwangerschaft zur Verfügung stehen.

Warum Margaret Atwood den Literaturnobelpreis verdient hätte

Margaret Atwood hätte den Literaturnobelpreis verdient, Weil sie zu der kleinen Gruppe an Schriftstellern gehört – zusammen mit George Orwell und Aldous Huxley – die es sehr früh schon sehr viel besser wussten. Weil sie sich traute zu übertreiben, als ihre Texte noch Übertreibung waren, weil sie warnte, weil sie weiter warnt. Und ja, ok, weil sie in einer über fünfzig Jahre andauernden Karriere, nicht auch nur einen einzigen Genozid geleugnet hat. Hört sich an wie eine Selbstverständlichkeit - aber wie wir jetzt wissen, das ist es nicht.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 30.10.2019, 8:30 Uhr

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