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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Pollatscheks Kanon: Warum Middlemarch unbeschreiblich ist

Nele Pollatschek mit dem Buch Middlemarch

Wenn Schmerzen richtig weh tun, dann kann man sie nicht beschreiben. Beschreibung ist für mittelmäßge Schmerzen. Genau so, nur ganz anders, ist George Eliot’s Middlemarch.

Ich war vor kurzer Zeit mit starken aber im Endeffekt harmlosen Schmerzen im Krankenhaus. Noch im Krankenwagen hat mich der Rettungssanitäter gefragt, wie die Schmerzen sich denn anfühlen. Ich sagte: "aargh". Wenn Schmerzen richtig weh tun, dann kann man sie nicht beschreiben. Beschreibung ist für mittelmäßge Schmerzen. Über schlimme Schmerzen kann man nichts sagen – außer, dass sie weh tun.

Genau so, nur ganz anders, ist George Eliot’s Middlemarch. Ich kann über dieses Buch sagen, dass es das beste Buch ist, dass ich jemals gelesen habe. Alles weitere wird schwierig. Hier funktioniert nur noch Ausschlussverfahren: Ist Middlemarch spannend? Nein, ist es nicht. Es ist lang, langatmig und unglaublich spröde.

Ein brillanter und komplexer Gedanke

Schon der erste Satz ist intellektueller Extremsport. Ich paraphrasiere: Wer, der sich für die Geschichte der Menschheit interessiert, hätte nicht wenigstens kurz sein Augenmerk auf das Leben der Teresa von Avila gelenkt?

An dieser Stelle möchte ich antworten: Ich habe vor diesem Satz noch nie an Teresa von Avila gedacht. Aber bevor ich mich ernsthaft über diese Zurschaustellung von Bildung ärgere, zeigt Eliot mir, dass es eben keine Zurschaustellung ist, sondern ein brillanter und komplexer Gedanke: Teresa von Avila, eine spanische Heilige des 16. Jahrhunderts, ist dafür bekannt, dass sie als kleines Kind aufbrach, um in der Ferne einen christlichen Märtyrertod zu sterben.

Große Naturen und kleine Umstände

Gerade noch rechtzeitig erwischt ihre Familie sie und bringt sie nach Hause zurück. Schon an diesem gescheiterten Martyrium erkennt Eliot, dass Teresas leidenschaftliche, begabte Natur ein "heroisches Leben" verlangt. Menschen wie Teresa können nicht daheim bleiben, sie müssen etwas großes, wichtiges leisten. Solche Menschen müssen brennen, sich ganz einer Idee opfern. Teresa konnte ihre Natur schließlich ausleben, indem sie als Erwachsene einen religiösen Orden reformierte.

Und jetzt kommt die Crux an der Sache: Es gibt viele Teresas. Aber es gibt nur ganz wenige große Ideen, für die sich solche Naturen opfern können. Als Eliot Middlemarch 1871 veröffentlichte, waren die Orden reformiert und die Religion selbst bescheideneren Vorstellungen gewichen. Wenn Eliot also erwartet, dass wir alle schon mal an Teresa gedacht haben, dann meint sie eben diesen Wiederspruch zwischen großen Naturen und kleinen Umständen.

So unbeschreiblich wie große Schmerzen

Speziell ist es die Tragödie der großen Natur im Frauenkörper – von einer Seele die für das Religiöse Martyrium gemacht ist, von der aber das Wechseln von Windeln erwartet wird. George Eliot’s bürgerlicher Name war übrigens Mary Anne Evans. Die ersten dreißig Jahre ihres brillanten Lebens verbrachte sie mit dem Pflegen von Angehörigen und – wahrscheinlich – dem Denken an Teresa von Avila.

Ich habe gerade die ersten zwei Seiten von Middlemarch erklärt. Das Buch hat 1198 Seiten – von denen jede genauso klug, genauso komplex, so durchdacht, so tragisch, so menschlich, so wahrhaftig, so unglaublich groß ist. Gestern ist eine neue und sehr gute Übersetzung von Melanie Walz erschienen. Ich kann dieses Buch nicht beschreiben, so wie ich große Schmerzen eben nicht beschreiben kann. Aber Sie können es lesen.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 20.11.2019, 8:30 Uhr

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