Nele Pollatschek Zähne zeigen

Wenn man darüber spricht, ob eine Geschichte glücklich oder traurig ist, fällt früher oder später das Wort "Happy End". Ohne ein glückliches Ende, so scheint es, kann eine Geschichte nicht glücklich sein und egal wie unglücklich eine Geschichte ist, wenn sie nur glücklich endet, gilt sie als glücklich. Ende gut, alles gut und so weiter.

Das ist eine wirklich merkwürdige Konvention: Wenn ich die Wahl habe, zwischen 90 glücklichen, vollen, wundervollen Jahren und einem miesen Tod oder 90 miesen Jahren und einem glücklichen Tod, wähle ich das glückliche Leben und halte es insgesamt für glücklicher als eine gelungene letzte Stunde. Dinge sind nicht gut, weil sie gut enden, sondern, so tautologisch es klingt, weil sie gut sind. So ist es im Leben und manchmal, zugegeben sehr selten, ist es so auch in der Literatur.

Eine Saga

Zum Beispiel, in Zadie Smiths im Jahr 2000 erschienenen Roman Zähne zeigen. Ein sehr gutes Buch, ein wirkliches Ausnahmebuch. Es ist gut auf eine Weise, auf die ein gutes Leben gut ist, was bedeutet: Es ist auf unzählbar viele verschiedene Arten gut. Es geht in Zähne zeigen um zwei Familien: die halb jamaikanische, halb britischen Familie Jones und die aus Bangladesch stammende Familie Iqbal. Es geht um die Freundschaft der beiden Familienväter, dem zutiefst englischen Archibald Jones und dem muslimischen Samad Iqbal, die in einem Panzer im Zweiten Weltkrieg beginnt.

Viele Figuren

Es geht um Archibalds Tochter Irie und ihre diversen Unzulänglichkeiten, die echten und die eingebildeten. Es geht um Samads Zwillingssöhne Magid und Millat und ihre unterschiedlichen Wege; ein Sohn wird atheistischer Rationalist, der andere islamischer Fundamentalist mit einer Liebe für Gangsterfilme. Und dann geht es noch um unendlich viel mehr, ein großes Arsenal an verqueren, komplexen Nebenfiguren, deren Schicksale und Eigenarten in epischer Breite ausgeschmückt werden.

Die Handlung

Was Zähne zeigen auszeichnet, ist, dass das Buch es schafft, die verschiedensten Dinge, die so ein Menschenleben enthalten kann, miteinander zu verknüpfen, in immer neuen schillernden Anordnungen. Es verbindet den Koran, das neue Testament, die Theologie der Zeugen Jehovas mit der Geschichte Jamaikas, der Geschichte Indiens, dem Zweiten Weltkrieg, Übergewicht, Haarpflege, englischer Literatur, unerwiderter Liebe, Curry, Cannabis, philosophischen Paradoxien, Immigration, Rap, Masturbation, Schuldgefühlen, Tierrechtsorganisationen, Gangsterfilmen und genmanipulierten Mäusen. Zähne zeigen ist gleichzeitig wahnsinnig klug, absurd komisch, hochliterarisch, gesellschaftsrelevant, moralisch, inspirierend und gut geplottet.

Das Ende

Es begeistert mich 600 Seiten lang restlos auf jede erdenkliche Art - und dann hört es ziemlich abrupt auf ein paar Dutzend Seiten damit auf. Nicht, weil es kein Happy End hat, wobei es das nicht hat und vielleicht auch nicht haben kann, sondern weil kein Ende der Welt halten kann, was dieses Buch verspricht. Manchmal hat ein grandioses Buch ein enttäuschendes Ende. Manchmal ist schon der Fakt, das etwas endet, irgendwie enttäuschend, in der Literatur und ja, natürlich, im Leben.

Zadie Smith
Zähne zeigen
Droemer Knaur (gebunden) € 22,96 (vergriffen)
KiWi (Taschenbuch) € 12.99
antiquarisch ab ca. € 4,-

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 27.5.2020, 8:31 Uhr

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