Bergpark Wilhelmshöhe

Aram Ziai hat mit der Gruppe "Kassel postkolonial" einen postkolonialen Stadtrundgang entwickelt. Der führt an vermeintlich harmlose Orte wie den Kassler Bergpark oder den Uni-Campus.

Der Bergpark ist auch Teil des Stadtrundgangs. Das klingt doch eher wie ein harmloser Ort.

Aram Ziai: In der ehemaligen Chinoiserie im Bergpark Wilhelmshöhe wollte man ein Landleben mit Chinesen darstellen. Allerdings hat man keine Chinesen gefunden. Stattdessen sind da kurzerhand von hessischen Offizieren verschleppte Schwarze aus dem amerikanischen Bürgerkrieg angesiedelt worden. Und die wurden da quasi ausgestellt als eine Art Menschenzoo.

In diesem Zusammenhang ist unser Anliegen, darauf hinzuweisen, dass die Leichen dieser Schwarzen Menschen auch nachher seziert worden sind und im Ottoneum von Thomas Soemmerring zur Erarbeitung einer Rassentheorie genutzt wurden. Der hat sich die Leichen angeguckt und vermessen und im Rahmen eines wissenschaftlichen Rassismus versucht nachzuweisen, dass die Weiße Rasse überlegen ist und dass afrikanische Menschen den Affen näher stehen als die europäischen Menschen. Dementsprechend ist das auch eine Anlaufstelle unseres Stadtrundgangs.

Man darf so nicht mehr an Thomas Soemmerring erinnern, oder?

Aram Ziai: Das ist die Frage. Straßennamen sind normalerweise nach Menschen benannt, die man ehren will. Wenn man sich jetzt anschaut, was ein Thomas Soemmerring oder ein [Adolf] Lüderitz [deutscher Großkaufmann und erster Landbesitzer im heutigen Namibia] oder ein Herr [Hermann von] Wissmann [deutscher Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter] so gemacht haben, und nach allen dreien sind eben Straßen oder Plätze in Kassel benannt, dann ist das aus einer Position, die Kolonialverbrechen ernst nehmen will, nicht tragbar.

Es gibt ja überall die Bismarckstraßen und allein in Hessen stehen zwölf Bismarck-Türme. Er wird als Stratege und Staatsmann verehrt, aber er steht eben auch für den Anfang der deutschen Kolonialpolitik in Afrika. Sollen wir jetzt alle Bismarck-Gedenkstätten abreißen?

Aram Ziai: Ich finde eine Diskussion um die negativen Seiten der deutschen Geschichte wichtig und die negativen Seiten der sogenannten großen Staatsmänner. Bismarck war derjenige, der die Afrika-Konferenz nach Berlin berufen hat, auf der der ganze Kontinent unter den europäischen Mächten aufgeteilt worden ist, ohne dass da irgendwelche afrikanischen Menschen auch nur gefragt wurden, was sie davon halten.

Man muss schon klar sagen, die Politik, die da betrieben wurde, das war keine demokratische. Das war eine, die von einer rassistischen Hierarchie zwischen Völkern ausgeht. Da wurden Selbstbestimmungsrechte von Menschen mit Füßen getreten.

Warum sind wir so wenig sensibel, wenn es um Rassisten und Kolonialisten des 19. Jahrhunderts geht? Ist das zu weit weg von uns?

Aram Ziai: Es ist historisch ein bisschen weiter weg, es ist geografisch eine ganze Ecke weiter weg. Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia ist hier bei wenigen Menschen so präsent wie der Holocaust, der quasi vor unserer Haustür stattgefunden hat. Aber vor allem geht es darum, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Im Kolonialismus gibt es viele, die abwägen und sagen, man müsste die positiven Seiten sehen und die negativen Seiten. Da muss man sich schon fragen: Würde man beim Nationalsozialismus auch abwägen zwischen den positiven und den negativen Seiten? Würde man da die Autobahnen und die Arbeitslosenzahlen gegen den Massenmord an Juden, Sinti, Roma, Kommunisten und Homosexuellen stellen wollen? Da würde man aus Respekt gegenüber den Opfern sagen: Nein, auf keinen Fall.

Die Fragen stellte Karmen Mikovic.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 15.7.20, 17:10 Uhr

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