In Berlin demonstierten einige Tausend Menschen gegen Corona-Maßnahmen. Der Soziologe und Protestforscher Dieter Rucht erläutert die Ikonografie, die man gesehen hat, also die Symbole, die hochgehalten wurden, und wie solche Aktionen von den Medien benannt werden.

Da gibt es Wörter wie "Sturm auf den Reichstag". Da wird von "Erstürmung" gesprochen. Man sieht 20 bis 50 Menschen, die wütend gegen drei Polizisten antraten. Was sind das für Worte, die da benutzt werden beim "Sturm"?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gespräch mit dem Protestforscher Dieter Rucht

Der Protestforscher Dieter Rucht
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Ja, das sind Worte der Selbstermächtigung, Worte des Widerstands. Überhaupt die Denkfigur des Widerstands spielt eine zentrale Rolle. Also wir, das Volk - "wir sind das Volk" - kämpfen an gegen die da oben, die uns missachten, die uns nicht anhören, die uns verführen, die uns unterdrücken. Das gesamte Vokabular ist sehr explizit. Das sind nicht nur Andeutungen, sondern es wird so gesagt.

Widerstand als Menschenrecht sozusagen. Und ich habe gehört, es sollen auch Bilder von Hannah Arendt und Che Guevara dabeigewesen sein auf Fahnen. Das sind ja zwei Leute, die sich intensiv mit dem Widerstand gegen die bösen Mächtigen beschäftigt haben. Wird da nicht was umgedeutet, was eigentlich nicht umzudeuten ist?

Es werden Symbole, die aus einem ganz anderen Kontext stammen, wie aus einem Steinbruch herausgelöst und dann in einem neuen und zum Teil auch völlig konträren Kontext verwendet. Das ist schon länger zu beobachten. Ich habe auch schon vor etwa zehn Jahren NPD-Leute gesehen, die ein Che-Guevara-T-Shirt getragen haben. Es gibt mehr Beispiele dieser Art, die Symbole werden nach Belieben kombiniert. Das wird in der Bewegungsforschung auch zunehmend registriert unter dem Stichwort "Modularität", also Bausteine, die man beliebig zusammensetzt.

Ist das auch eine Verwirrtaktik der Demonstranten und ihrer bunten Truppen, die Regenbogenflagge - also die Gleichberechtigten-Flagge für Schwule, Lesben und andere - hoch zu halten und gleichzeitig die Reichskriegsflagge?

Berlin: Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen ziehen mit Fahnen und Transparenten durch die Stadt.

Ich glaube nicht, dass da ein Plan dahinter steht und dass die einzelnen, die das tun, da sehr taktisch vorgehen, sondern sie wählen eher nach Bauchgefühl das aus, was ihnen im Moment ins Auge springt oder zusagt. Also bei Hannah Arendt wurde ein Widerstands-Zitat zitiert, das natürlich eher auf die Situation des Nationalsozialismus gemünzt war, und wenn da jetzt das Wort "Widerstand" vorkommt, dann verwende ich eben dieses Zitat. Und wer der Urheber des Zitates ist, ist dann ziemlich egal.

Aber die Menschen fühlen sich gnadenlos im Recht?

Sie fühlen sich gnadenlos im Recht. Es ist auch schwierig, mit solchen Leuten zu reden. Ich habe gelegentliche Anläufe gemacht. Das ist dann natürlich auch nicht die Gesprächssituation auf der Demonstration, wo zum Teil ja an manchen Orten - zumindest vor der russischen Botschaft, wo ich länger war - die Gemüter nicht nur erhitzt sind, sondern wo eine durchgängig aggressive Stimmung vorherrschte und die Polizei zum Beispiel auch in Sprechchören als Faschisten beschimpft wurde.

Dieter Rucht, Sie haben alle Formen von Protesten erforscht. Haben wir es heute wieder mit Leuten zu tun, die bei etwas mitlaufen, von dem sie eigentlich gar nicht genau wissen, was sie da tun?

Schwer zu sagen. Wir haben ja im Moment keine systematischen Befragung, sondern wir haben nur Bruchstücke von Leuten, die was schnell ins Mikrofon gesagt haben. Ich bin da zurückhaltend jetzt über über das Gros der Protestierenden zu urteilen. Aber zumindest wissen wir aus etlichen Statements von Befragten, dass ihnen das ziemlich egal ist, was sozusagen zwei Reihen weiter oder was sogar der Nebenmann, die Nebenfrau tut.

Die sagen, ich bin hier, weil ich entschiedener Impfgegner bin. Und jetzt droht die Bundesregierung, Merkel oder Bill Gates, oder wer auch immer die gesamte Menschheit zwangsimpfen zu lassen. Das ist mein Ding, mein Anliegen - dagegen protestiere ich. Und wenn dann neben mir ein Rechter steht oder ein Linker oder jemand, der schwul ist, das soll mir in dem Moment erst einmal egal sein. Ich habe mein Anliegen, und da finde ich jetzt erst mal viel Aufmerksamkeit, viele Kameras, die auf mich gerichtet sind. Und darum geht es.

Ist denn eine Verführung zum ungehemmten Krakeelen auch durch die Medien gegeben? Jeder kann ja sein eigener Filmregisseur sein und das in seiner Filterblase, also auf seiner Twitter-Gruppe, seiner Facebook- oder Instagram-Gruppe sofort posten. Telegram ist ja auch ein Tummelplatz von Verschwörungsgegnern. Ist das auch eine Verführung, weil die großen Medien über das Stöckchen springen, was da hingehalten wird?

Ja, ich glaube, die Leute wissen sehr genau, was sind Provokationen, was sind relevante Symbole. Da steckt jetzt gar nicht so viel Überlegung dahinter, sondern das kann man gleichsam erahnen. Also, wenn man jetzt den Hitlergruß öffentlich zeigt, dann weiß man, dass man auf Widerspruch stößt, dass es nach Möglichkeit Fotos geben wird und Zeitungsberichte. Dieses Reiz-Reaktions-Schema funktioniert, und das wissen auch die Beteiligten.

Bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin trägt ein Teilnehmer eine Reichsflagge

So gesehen war auch der sogenannte "Sturm auf den Reichstag" erst mal ein kleiner Akt. Das muss man etwas nüchterner betrachten: Die sind da die Stufen hoch gelaufen. Der Reichstag war ja zu und die wären da auch gar nicht reingekommen. Aber von der Symbolik her kann das als Erfolg verbucht werden. Wir alle sprechen jetzt seit Tagen darüber, und das gesamte politische Establishment regt sich auf, regt sich - denke ich persönlich - auch zu Recht auf. Aber es ist genau der Effekt, den man haben will. Und in dem Maße, wie wir darüber sprechen, das problematisieren und verurteilen, vergrößern wir noch mal diesen Effekt.

Würden Sie eine Warnung aussprechen, sich diesen Demos anzuschließen, weil man nicht weiß, mit wem man läuft?

Persönlich ja. Aber ich kann natürlich nicht den einzelnen Leuten ins Gewissen reden, die sagen, meine Tochter wird da mit Auflagen bedacht in der Schule, das halte ich für unsinnig. Das mag ja durchaus ein gutes und solides Argument sein. Also jetzt über alle diese Argumente und Gründe zu richten, das wage ich nicht zu tun.

Aber gleichwohl sehe ich die grundlegende Gefahr, das hier von rechtsaußen das instrumentalisiert wird und das Publikum gefunden wird und zunehmend auch eine Verzahnung stattfindet zwischen den sogenannten Normalbürgern, die da zu Gange sind und den strategisch operierenden Rechtsradikalen. Das ist nicht Ergebnis eines großen Plans. Das passiert einfach durch diese Interaktionen, die dann ein Stück Alltäglichkeit erlangen

Die Fragen stellte Alf Haubitz.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 01.09.2020, 16:15 Uhr

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