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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich studieren wollte, also habe ich Bibliothekswesen gewählt."

Frank Scholze

Er leitet seit Dezember die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) und hat die Aufgabe, die Bundeseinrichtung mit Standorten in Leipzig und Frankfurt als kulturelles Gedächtnis weiterzuentwickeln. Wie gelingt das in digitalen Zeiten am besten, wie sammelt man etwa Inhalte aus dem Internet und aus sozialen Medien?

Herr Scholze, Sie müssen alles, was gedruckt oder digital veröffentlicht wird, sammeln. Das ist doch Sisyphos pur, Sie werden doch nie fertig, oder?

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt

Der Anspruch ist so im Gesetz definiert, aber wenn man ihn herunterdekliniert, wird man ihn nie in Gänze erfüllen können. Nennen wir's mal "fruchtbares Scheitern", was wir seit über 100 Jahren tun: Alles, was in Text, Bild und Ton in Deutschland oder im Ausland über Deutschland veröffentlicht wird zu sammeln, zu bewahren und zu erschließen.

Wie behält man da den Überblick?

So gut wie möglich! Wir arbeiten in der Deutschen Nationalbibliothek mit über 600 Mitarbeitern daran, den Überblick nicht zu verlieren, alles elektronisch zu erfassen.

Was wüssten wir alles nicht ohne die Deutsche Nationalbibliothek?

Wir wüssten nicht, wo wir herkommen, was wir diskutiert haben, wer wir als Gesellschaft letzlich sind. Wir haben zu jedem Thema, das uns in den letzten 100 Jahren umgetrieben hat, den gesamten Querschnitt an Veröffentlichungen.

Aber es gab und gibt doch 1913, 1945, 1968 und heute verschiedene Schwerpunkte?

Deutsche Nationalbibliothek Leipzig

Natürlich, etwa das Thema Klimawandel gab es 1913 so noch nicht. Aber das ist ein Bespiel dafür, wie wir Bezüge herstellen. Das ist uns heute durch die Digitalisierung möglich: Wir digitalisieren nach und nach Inhaltsverzeichnisse von Publikationen und unsere Vision ist, eines Tages alles im Volltext digital zur Verfügung zu haben - und daraus Querbezüge herstellen zu können. Das ist eine sinnvolle Zukunftsvision.

Wenn ich also zu Ihnen komme und suche etwas zum Thema XYZ, dann finde ich auch etwas?

Deutsche Nationalbibliothek

Sie finden etwas, auf jeden Fall. Wie und wie lange Sie dann sich schrittweise dem Thema nähern, hängt vom Thema selbst ab. Ein schönes aktuelles Beispiel sind Groschenromane: Wissenschaftler untersuchen zur Zeit, was es in 8.000 Heftchen mit der Sprache so auf sich hat, also wie sie geschrieben sind und wie sie sich von hochliterarischen Texten unterscheiden. Und eines der ersten Ergebnisse zeigt, dass die Anzahl der verwendeten Wörter gleich ist, aber die Sätze deutlich kürzer sind. Also: Die Sprache ist relativ gleich komplex, wird aber einfacher ausgedrückt. Sie wird den Lese-Bedürfnissen angepasst.

Und was ist mit dem Internet, kann man "das Internet" sammeln?

Da haben Sie Recht: Beim Projekt "Das Deutsche Internet" sind wir noch absolut unvollständig, aber machen zur Zeit erste Schritte in Versuchen und Projekten. Was soziale Medien angeht, fangen wir gerade an, da haben wir ebenfalls noch große Aufgaben. Wir müssen definieren, was das kulturelle Gedächtnis Deutschlands im Internetzeitalter ist, was wollen wir sammeln, erhalten und erschließen?

Das ist ja schon ein weites Feld! Was muss man als Bibliothekar mitbringen, um das zu beackern?

Lesesaal in der Deutsche Nationalbibliothek

Ganz spontan: Man muss Neugier auf alles mitbringen. Das war auch der Grund, warum ich persönlich Bibliothekswesen studiert habe. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich studieren wollte, so breit gespannt waren meine Interessen. Die Frage von Bibliothekaren ist: Wie kann ich Wissen organisieren und zugänglich machen. Und diese Meta-Disziplin zeichnet auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Nationalbibliothek aus.

Was sehen Sie als größte Herausforderung an, was haben Sie vor, das über das Bewahren und Erschließen hinausgeht?

Deutsche Nationalbibliothek: Bücher werden gescannt

Wir hatten gerade jetzt eine Veranstaltung, die sich mit der Bildung auseinandersetzt. Da tut sich sehr viel, wir ermöglichen Lesungen und Diskussionen. Wir machen "Kultur-Hackathons" (Eine Wortschöpfung aus Hacking, kritischem Programmieren, und Marathon, d.Red.), wo wir unsere Bestände mit Programmierern und Anwendern zusammenbringen und fragen: Was können wir denn Schönes aus diesen Daten machen? Wir öffnen also die "Wunderkammern des Geistes", wie es ein Kollege aus der DNB so schön gesagt hat; wir versuchen Teile unserer Sammlungen - denken Sie an das Deutsche Exilarchiv - Interessierten digital zur Verfügung zu stellen und daraus Anwendung und Publikationen zu kreieren.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister
Sendung: hr2-kulturcafé, 4.3.2020, 17:10 Uhr

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