Nach dem 2. Weltkrieg ersetzte das Radio die zerbombten Theaterbühnen und bot der Bevölkerung Zerstreuung. Mit Hörspieladaptionen von klassischen Stücken ergab sich die Möglichkeit, das Theater den Menschen ins Haus zu bringen. Den heutigen Archivschatz widmen wir dem Sprachmusiker Heinrich von Kleist, der die Möglichkeiten der Bühnensprache so weit spannte, dass sich seine Kunst besonders im Radio entfalten kann.

Dorfrichter Adam muss über ein Verbrechen richten, das er selbst begangen hat: Frühmorgens wird er unsanft geweckt und vernimmt zu seinem Schrecken, dass der allgewaltige Gerichtsrat Walter auf seiner Inspektionsreise sich dem Dorfe nähert. Adam hat einen gehörigen Brummschädel, ein Loch im Kopf und kann nirgendwo seine Perücke finden. Zu allem Überfluss soll er heute Gerichtstag halten. Schon kommen der Schreiber, der Gerichtsrat und die uneinigen Parteien: Frau Marthe Rull mit ihrer Tochter Eve und Bauer Simon mit Ruprecht, seinem Sohn. Frau Marthe klagt Ruprecht an, in der Nacht gewaltsam bei Eve eingedrungen zu sein und dabei den kostbaren Krug zerbrochen zu haben. Als sie, von dem Lärm geweckt, ins Zimmer stürzte, fand sie nur die fassungslose Eve. Draußen vor dem Fenster aber habe es gepoltert und geflucht, als sei der Teufel selbst zugange. Ruprecht freilich bestreitet empört seine Schuld und Eve, die ja wissen müsste, wer es war, schweigt.

Kleists Stück legt die Zerrisenheit seiner Charaktere bloß und stellt unmissverständlich die Frage nach der Verbindung von Moral und Macht und von Lust und Herrschaft.

Heinrich von Kleist (1777-1811) gilt mit seinen Erzählungen und Theaterstücken als Grenzgänger zwischen Klassik und Romantik. "Der zerbrochene Krug" gehört zum Kanon der deutschen Literatur, ist auch heute noch verbreitete Schullektüre und diente mehrfach als Vorlage zu Opern, Filmen und Hörspielen. Und der Dorfrichter Adam zählt nach wie vor zu den begehrtesten Charakterrollen für Schauspieler.

Sendung: hr2-kultur, "Archivschätze", 11.09.2021, 14:04 Uhr.