Welche Geschichten wir uns über die Krise erzählen, entscheidet darüber, wie wir uns an sie erinnern.

Vierzehn Tage und ein Epilog: „Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise“ reflektiert die Viruskrise als Geschichte der Gefühle im Quarantäneformat. Diesen Zeitraum verbringt das erzählende Ich hauptsächlich auf der Terrasse eines Holzhauses in Süddeutschland. Vor allem aber erlebt der Autor diese Viruskrisenzeit als „Raum in der Zeit“, von jeder anderen Wahrnehmung menschlich oder kosmisch geordneter Zeit wie durch eine gläserne Wand getrennt. Und zugleich als gedehnte und gebremste Schlierenzeit, in der das Warten eine neue Qualität erhält, wenn man mit virustypischem Sockelfieber auf das Urteil eines Coronatests wartet. Positiv oder negativ. Jene Binarität der Krise, ja oder nein, infiziert oder nicht infiziert. Den Corona bedingten Ausnahmeraum in der Zeit begreift der Erzähler ab März 2020 – zufällig zeitgleich zu den ersten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in Deutschland – deshalb als Beginn einer neuen Epoche der Eventualität. An diesem Erleben der Viruskrise – jener Hermetik des einen Raums in der Zeit – orientiert sich die akustische Ästhetik, mit der Iris Drögekamp und Dietrich Brants dieses Hörstück realisierten. Akustisch befindet man sich immer im selben Raum. Es gibt in diesem Hörstück akustisch nur diesen single shot auf der Terrasse des Autors. Insgesamt mehr als dreizehn Stunden hält man sich zu verschiedenen Tageszeiten, bei wechselnden Wetterverhältnissen, an Tag zwei auch bei Regen in diesem Raum auf, sinnbildlich in einem Ausnahmeraum in der Zeit, eine ganze Quarantäne lang mit demselben Blick auf den immergleichen Waldrand, akustisch voller Tierstimmen und Geräusche aus einer Nachbarschaft handwerkender und gartenarbeitender Corona-Aktivität. Alle akustischen Ereignisse in „Corona bedingt – psychosoziale Symptome einer Krise“ sind nicht studioproduzierte Effekte, sondern dem immersiven Erlebnis der immergleichen Umgebung in der freiwilligen Selbstisolation zu verdanken, also den realen Umweltgeräuschen geschuldet, die sich im Moment der Aufnahme ereignet haben. Kein Ton, auch kein Effekt wurde hinzugefügt. Ist zum Beispiel in einer Folge von „Corona bedingt – psychische Symptome einer Krise“ ein Flugzeug zu hören, die Glocke der Stadtkirche, das Zwitschern einer Amsel, die Klinke des Gartentors, der Achtzylinder eines Mercedes Coupé von 1967 in der Einfahrt oder der Laubbläser in Nachbars Garten, dann war dies jeweils ein Geräusch in genau diesem Moment der Aufnahme. Dies bedeutet zugleich: Als Sprecher seines eigenen Textes durfte Dietrich Brants sich in all diesen Momenten nicht versprechen, um das Realraumkonzept und das Echtzeiterleben möglich zu machen. Diese Herausforderung definierte zugleich die Sprechhaltung und den Erzählton, auch das besondere Tempo, das die Erfahrung, sich in einer Schlierenzeit zu befinden, aufgreift und widerspiegelt. Im Grunde folgen Iris Drögekamp und Dietrich Brants beim ästhetischen Konzept, mit dem sie „Corona bedingt: psychosoziale Symptome einer Krise“ akustisch realisiert haben, dem Prinzip der festen Kamera und der singulären Einstellung, mit dem der Regisseur James Benning im Experimentalfilm „Stemple Pass“ die Geschichte eines Rückzugs in eine Waldhütte erzählt. Man sieht in diesem Film das immergleiche Bild der immergleichen Hütte im Wald – und in zwei Filmstunden vier Bilder derselben Einstellung. Was sich ändert, ist nur die Jahreszeit – somit auch das Licht und die Farbigkeit des Waldes. Dazu hört man immer wieder Passagen aus Tagebüchern des Bewohners, der in der Waldhütte sozusagen in einer freiwilligen Selbstisolation lebte, lange vor Corona und aus anderen Gründen. Wie in James Bennings Film, ist die Bewegung eine innere – nur eine Bewegung der Gedanken und Gefühle, auch der Sprache und der Imagination. Und wie in „Stemple Pass“ kommt auch im Hörstück „Corona bedingt“ die Veränderung ausschließlich von außen. Sie kann sich nur ereignen, nicht aber herbeigeführt oder produziert werden, so wie der akustische Raum in diesem Hörstück nie ein Add On ist und nicht eigens hergestellt oder produziert und im Studio allenfalls ein wenig stärker konturiert wurde. Veränderung, die ausschließlich von außen kommen kann, als ästhetisches Prinzip zu behandeln und zur Basis dieses Hörstücks zu machen, reagiert auf die Situation der Passivität gegenüber dem Geschehen einer Pandemie. Corona bedingt ist dies derzeit eine Erfahrung vieler: Veränderung kommt in diesem Ausnahmeraum in der Zeit für viele ausschließlich von außen. In der akustischen Ästhetik dieses Podcast wird diese Erfahrung der Viruskrise durch den single shot zum Prinzip erklärt und in eine Hörsituation überführt.

Realisation: Dietrich Brants & Iris Drögekamp

hr/SWR 2021

Als Auftakt zum Podcast auf hr2.de und in der ARD Audiothek, sendet hr2-kultur heute die ersten drei Folgen des Podcast.

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Dietrich Brants

geboren in Tübingen, Kurt-Magnus-Preisträger der ARD, studierte Philosophie, Soziologie und Kommunikationswissenschaften in München und Paris. Seit den 1990er Jahren ist er Feature-Autor, Redakteur und Moderator im SWR, seit 2011 Redaktionsleiter von "SWR2 Kultur Aktuell".

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Sendung: hr2-kultur, "The Artist's Corner", 30.01.2021, 23:00 Uhr.

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