Wenn die Nase plötzlich nicht mehr mitten im eigenen Gesicht sitzt, sondern auf zwei Beinen umherspaziert und sich als vermeintlicher Staatsrat für etwas Besseres hält, dann könnte und sollte man das für einen Traum halten. In Schostakowitschs abenteuerlich-grotesker Oper nach Gogol aber ist es bitterböse Wirklichkeit.

Platon Kusmitsch Kowaljow - Boris Pinkhasovich
Iwan Jakowlewitsch - Sergei Leiferkus
Praskowja Ossipowna - Laura Aikin
Polizeiinspektor - Andrey Popov
Kowaljows Diener - Sergei Skorokhodov
Die Nase - Anton Rositskiy
Beamter der Annoncenredaktion - Genaddy Bezzubenkov
Polizisten - Martin Snell, Piotr Micinski

Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper
Leitung: Vladimir Jurowski

(Aufnahme vom 27. Oktober 2021 aus dem Nationaltheater)

Mit einem Ausrufezeichen und einem Plädoyer für die Musik des 20. Jahrhunderts eröffnete das neue Führungsteam aus Intendant Serge Dorny und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski die Saison in München. Dmitri Schostakowitsch schrieb seine erste Oper "Die Nase" 1928 als 22-Jähriger und er schuf eine wild-verwegene Mischung aus hochexpressiven, atonalen Episoden, trivialen Tanzeinlagen und spielerisch neoklassizistischen und folkloristischen Elementen.

Das Stück war zunächst recht erfolgreich, verfiel aber dann in den 1930er Jahren wie so vieles andere auch dem "Formalismusverdikt" der russischen Machthaber. In München kam die Oper jetzt zum allerersten Mal auf die Bühne, inszeniert von Kirill Serebrennikov, der seine russische Heimat aktuell nicht verlassen darf, von daher gewissermaßen aus dem erzwungenen Homeoffice Regie führte. Seine Interpretation setzte vielleicht allzu sehr auf die demonstrative und alles andere etwas nivellierende Polizeipräsenz, wodurch die Kenntlichkeit und Prägnanz der Personen doch ein wenig litt - zudem sorgte die nicht ganz einleuchtende Verlegung zweier Szenen für weitere inhaltliche Unübersichtlichkeit.

Vladimir Jurowski führte souverän durch die komplexe Partitur mit einem gar nicht so groß besetzten Orchester, erweitert allerdings durch eine neunköpfige Schlagzeuggruppe und entlegenes Instrumentarium wie Domra, Balalaika und singender Säge. In der Partie des seiner Nase beraubten, leidgeplagten Protagonisten überzeugte der russische Bariton Boris Pinkhasovich - vor allem aber bot die Bayerische Staatsoper eine hervorragende Ensemble-Leistung, denn mit einer Besetzungsliste von absolut rekordverdächtigen 58 Rollen stellt "Die Nase" für jedes Haus eine erstmal zu bewältigende Herausforderung dar.

Anschließend:
Borodin: 2. Streichquartett D-Dur (Takács Quartett)
Haydn: Sinfonie Nr. 81 G-Dur (Orpheus Chamber Orchestra)

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 22.01.2022, 20:04 Uhr.