Vor leeren Rängen ging im vergangenen November an der Pariser Opéra-Comique die letzte Premiere vor dem neuerlichen Lockdown über die Bühne. Mit komplett maskierter Streichergruppe brillierte das Ensemble Pygmalion unter seinem Leiter Raphaël Pichon in gewohnt mitreißender Manier, das exzellente Sänger-Ensemble ließ ebenso keine Wünsche offen. Ein großer Opernabend, auch ganz ohne Applaus.

Hippolyte - Reinoud van Mechelen
Aricie - Elsa Benoit
Phèdre - Sylvie Brunet-Grupposo
Thésée - Stéphane Degout
Oenone - Séraphine Cotrez
Neptune - Nahuel Di Pierro
Diane - Eugénie Lefebvre
Prêtresse de Diane, Chasseresse, Matelote, Bergère - Léa Desandre
Tisiphone - Edwin Fardini
1re Parque - Constantin Goubet
2e Parque - Martial Pauliat
3e Parque - Virgile Ancely
Mercure - Guillaume Gutiérrez

Pygmalion Chor und Ensemble
Leitung: Raphaël Pichon

(Aufnahme vom 14. November 2020 aus der Opéra-Comique)

Jean-Philippe Rameau war in Sachen Oper ein Spätzünder. Erst mit 50 Jahren schrieb er 1733 seine erste Tragédie lyrique "Hippolyte et Aricie", und obwohl das Werk schon in entschärfter Version auf die Bühne kam, entfachte es doch gleich heftige Diskussionen. Die konservativen Anhänger Lullys beklagten den Verlust von Einfachheit und Natürlichkeit, die Unterstützer Rameaus bejubelten die avancierte neue Orchestersprache. Die Geschichte der zunächst von der Stiefmutter Phädra vereitelten Liebe zwischen Hippolyte und Aricie bietet dabei schon äußerlich reichlich Stoff für extravagante Klangkulissen: Es geht in die Unterwelt, es gibt einen veritablen Meeressturm mit Seeungeheuer, Theaterdonner und Rauchschwaden, in denen der Protagonist verschwindet, folkloristische Dudelsäcke spielen auf, und am Ende schließlich hören wir versöhnliche Nachtigallengesänge in Dianas Wäldern.

Diese vermeintlichen Äußerlichkeiten stehen bei Rameau immer auch in direktem Bezug zur Gefühlslage der handelnden Personen, für die der Komponist im Vergleich zu seinen Vorgängern geradezu eine Überfülle neuer Ausdrucksmöglichkeiten fand. Oder wie es sein Kollege André Campra nach der Uraufführung formulierte: "Es gibt in dieser Oper genügend Musik, um zehn daraus zu machen. Dieser Mann wird uns alle in den Schatten stellen". Es wurden dann letztlich sogar ein paar Opern mehr, aber der Rest stimmt.

Anschließend:
Ravel: Violinsonate a-Moll op. posth. (Daniel Hope / Simon Crawford-Phillips, Klavier)

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 17.04.2021, 20:04 Uhr.

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