Mit dem "Peter Grimes" von 1945 fand die englische Musik nach fast 300-jähriger Abstinenz zurück auf die Bühnen der Welt. Und Benjamin Britten avancierte nach Henry Purcell zum zweiten britischen Komponisten, dessen Opern sich bis heute im Repertoire gehalten haben.

Peter Grimes - Allan Clayton
Ellen Orford - Maria Bengtsson
Captain Balstrode - Christopher Purves
Auntie - Catherine Wyn-Rogers
Bob Boles - John Graham-Hall
Swallow - Clive Bayley
Mrs. Sedley - Rosie Aldridge
Rev. Horace Adams - James Gilchrist
Ned Keene - Jacques Imbrailo
Hobson - Barnaby Rea
Zwei Nichten - Rocío Pérez, Natalia Labourdette

Chor und Orchester des Teatro Real
Leitung: Ivor Bolton

(Aufnahme vom 24. Aril 2021 aus dem Teatro Real)

"Wer sich abseits stellt, der wird vernichtet" - das ist eine der zentralen Erkenntnisse des Protagonisten Peter Grimes, und er bringt damit das Grundthema des Werkes auf den Punkt: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Oder - wie Benjamin Britten es mit Blick auf das Stück und seine damalige Lage später selbst formulierte: "Individuum gegen Masse - mit ironischen Untertönen für unsere eigene Situation". Und mit dieser "eigenen Situation" meinte Britten nicht nur seine pazifistische Einstellung, sondern ebenso die homosexuelle Beziehung zu Peter Pears, dem Tenor der Uraufführung der Oper. Die sich nach und nach zuspitzende Unerbittlichkeit des äußeren Drucks - an Peter Grimes exemplarisch durchexerziert - kannte Britten aus eigener Erfahrung also nur zu gut, und vielleicht gelang ihm nicht zuletzt deshalb eine so eindrückliche musikalische Schilderung des geheimnisvoll-seltsamen Anti-Helden, dessen Schuld oder Nichtschuld bis zuletzt im Unklaren bleibt.

Den äußeren Rahmen des Stücks - und in gewisser Weise genauso dessen Thema - bildet dabei die harte, raue Lebenswelt der Küste und das Meer. Die englische Ostküste übrigens, an der Britten sein ganzes Leben verbringen sollte, und der er mit den aus der Oper entnommenen "Sea Interludes" auch im Konzertsaal ein Denkmal gesetzt hat. Die Aufführung in Madrid hatte es übrigens nicht leicht: das Teatro Real gehörte im April zu den wenigen Häusern, die überhaupt noch spielten. Und die Premiere stand pandemiebedingt immer wieder auf der Kippe, fand dann aber glücklicherweise mit zwar reduziertem, aber begeistertem Publikum doch noch statt.

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 27.11.2021, 20:04 Uhr.