Im ältesten Rokoko-Theater Schwedens unweit von Stockholm findet jedes Jahr ein kleines, aber feines Musikfestival statt. In diesem Sommer wurde dort die wohl bekannteste englische Barockoper mit der vermeintlich ersten englischen Oper überhaupt kombiniert - eine ebenso spannende wie erhellende Gegenüberstellung.

John Blow: Venus and Adonis

Venus - Ida Ränzlöv
Adonis - Bernt Ola Volungholen
Amor - Rupert Enticknap
Grazien - Lisa Carlioth, Christina Larsson Malmberg
Jäger - Mathilda Sidén Silfver, Mikael Stenbaek, Arash Azarbad

Henry Purcell: Dido and Aeneas

Dido - Ida Ränzlöv
Aeneas - Bernt Ola Volungholen
Belinda - Christina Larsson Malmberg
Zauberin - Rupert Enticknap
Erste Hexe, Frau - Lisa Carlioth
Zweite Hexe, Geist - Mathilda Sidén Silfver
Matrose - Mikael Stenbaek

Orchester des Confidencen Opern- und Musikfestivals
Leitung: Olof Boman

(Aufführung vom 18. August 2021 aus dem Schloss Ulriksdal)

Die Oper hatte es im 18. Jahrhundert ja eher schwer in England - es gab zwar unzählige Theatermusiken und sogenannte Semi-Opern mit gesprochenem Wort und Gesang, aber selbst Henry Purcell hat nur eine richtige, vollständig gesungene, aber leider nur unvollständig erhaltene Oper geschrieben: "Dido and Aeneas". Und als Vorläufer und Vorbild für Purcells Werk wird schon seit langem immer wieder John Blows "Venus and Adonis" genannt.

Mit gutem Grund: beide Stücke entstanden in den 1680er Jahren, vermutlich für den englischen Hof, und Purcell dürfte das Werk seines Lehrers und Freundes Blow gekannt haben. Auch formal und inhaltlich gibt es auffällige Parallelen. Die Orientierung an der französischen Oper, die kleinteilige Vertonung mit dicht am Text bleibender Deklamation, die prominente Rolle des Chors und der eingeschobenen Tänze. Zudem greifen beide Stücke auf einen seinerzeit bekannten mythologischen Stoff zurück, in dem nach glücklichem Anfang die Protagonistin am Ende allein und verlassen dasteht. Wobei Blows Oper deutlich mehr den Charakter eines idyllischen Schäferspiels trägt - samt unterhaltsamer Unterrichtseinheit für die Schüler des Liebesgottes Amor -, Dido dagegen, trotz ihrer Liaison mit Aeneas, von Beginn an ihre melancholische Skepsis nie so ganz verliert. Am Schluss kommt es in beiden Fällen zu berührend-ergreifenden Abschiedsszenen, bei Henry Purcell mit einer der bekanntesten Lamento-Arien des Barock überhaupt: "When I am laid".

Die Aufführung beim Confidencen Festival bot eine willkommene Gelegenheit, die Opern einmal direkt hintereinander zu hören - mit der gleichen ausgezeichneten Besetzung übrigens - und was bei Purcell vielleicht eher ein Wiederhören war, wurde bei John Blow zu einer echten Entdeckung eines völlig zu Unrecht vergessenen Stücks.

Anschließend:
Britten: Sinfonie für Violoncello und Orchester op. 68 (Daniel Müller-Schott / WDR-Sinfonieorchester / Jukka Pekka-Saraste)
Lasso: Missa pro defunctis (The Hilliard Ensemble)

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 15.01.2022, 20:04 Uhr.