Ob Wedekinds Lulu oder die zahlreichen Salomé-Darstellungen in Literatur und Kunst: die Frauen-Bilder des Fin de Siècle durchdringen unser Bewusstsein und prägen bis heute die Populärkultur. In Katharina Adlers Erzählung „Buberl! Kindskopf! Traumgöttin!“ stehen gleich zwei Frauen im Mittelpunkt: Alma Mahler und Hermine Moos, die nach Alma Mahlers Abbild die wohl berühmteste Puppe der Kunstgeschichte schuf - einen lebensgroßen Fetisch für den Ex-Geliebten Oskar Kokoschka.

1918 erhält die Künstlerin Hermine Moos (geboren 1888 in Frankfurt, gestorben 1928 in München) von dem Maler Oskar Kokoschka den Auftrag, eine lebensgroße Puppe zu gestalten, die ihm seine Geliebte Alma Mahler ersetzen soll. In mühevoller Arbeit trägt Hermine Moos in den letzten Kriegsmonaten die benötigten Materialien zusammen, Brief um Brief mit genauen Anweisungen von Oskar Kokoschka erreichen sie – bis der Fetisch im Frühjahr 1919 endlich fertig ist. Oskar Kokoschka zeigt sich "ehrlich erschrocken" und enttäuscht vom Ergebnis. Dennoch fertigt er viele Bilder nach der Puppe an, unter anderem sein berühmtes Gemälde "Frau in Blau" – bis er sich endgültig von seiner Leidenschaft zu Alma Mahler löst und die Puppe köpft. Hermine Moos gerät fast völlig in Vergessenheit. 1928 nimmt sie sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Katharina Adler, geboren 1980 in München, veröffentlicht Theaterstücke, journalistische Artikel und Prosa. Mit ihrem Debütroman "Ida", in dem sie sich mit der Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Ida Adler, einer der bekanntesten Patientinnen Sigmund Freuds, auseinandersetzt, wurde sie für den aspekte-Literaturpreis nominiert. Die Geschichte über Hermine Moos und ihre berühmte Puppe entstand als Auftragsarbeit des Literaturhauses Villa Clementine zum Wiesbadener Jugendstiljahr. Gemeinsam mit Theresia Enzensberger und Thomas Meinecke war Katharina Adler aufgefordert, sich mit dem Frauenbild des Jugendstils, wie es zum Beispiel in Frank Wedekinds Figur der "Lulu" erscheint, auseinanderzusetzen. Lulu gilt als Prototyp des männerverschlingenden Vamps, einer Femme fatale, die in ihrer vermeintlich unschuldigen Anmut den männlichen Eros reizt. Für ihre Erzählung hat Katharina Adler sich auf Briefe Oskar Kokoschkas und auf die Recherchen von Justina Schreiber für Deutschlandfunk Kultur und den Bayerischen Rundfunk gestützt.

Sie hören den Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung vom 2. Februar im Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine: Katharina Adler liest im Rahmen der Veranstaltung "Im Kleide der Lulu? Vom weiblichen Dämon zur selbstbestimmten Frau der Gegenwart".

Sendung: hr2-kultur, Spätlese, 10.03.2020, 22:00 Uhr

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