Junge Autor*innen setzen sich mit der Sterblichkeit des Menschen auseinander und werden dafür ausgezeichnet. Wo gibt es sowas? Beim Wortmeldungen-Literaturpreis für kritische Kurztexte. Wir stellen mit Katherina Braschel und Luca Manuel Kieser zwei der Gewinner*innen vor.

Sie sind noch keine 30 Jahre alt, doch sie "erkennen einfach an, dass Sterben mit dem Leben beginnt, wir jeden Tag viele Mikrotode sterben". So lobte die Jury des Wortmeldungen-Förderpreises.

Luca Manuel Kieser erzählt in seiner Kurzgeschichte "Von einer, die aus Namen ein Geheimnis macht. Rumpelstilzchen? Oder: Die Höhle" ein Frauenleben von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis nahe an unsere Gegenwart heran. Die Jury spürte hier „situative Komik, aber einen dahinterliegenden tiefen Ernst“. Kieser verbinde „die individuellen Brüche einer Biografie – Krankheit, Diskriminierung, Schicksalsschläge – mit dem Großen und Ganzen der Zeitgeschichte“. Luca Manuel Kieser lebt in Wien und unterrichtet Mathematik an einer Projektschule für geflüchtete Jugendliche. Er wurde 1992 in Tübingen geboren, studierte Philosophie und Theatergeschichte in Heidelberg und Leipzig, anschließend am Institut für Sprachkunst in Wien. 2018 war er Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg.

"ICD-10 - F63.9" heißt der Text von Katherina Braschel. Er verblüfft zunächst mit der Recherche, die ihm zugrunde liegt. Dann erstaunt er durch die Genauigkeit, mit der die Erzählerin ihren Körper beschreibt: Sie vollzieht nach, dass sie lebt, indem sie verfällt. Die Autorin überrasche ihre Leserinnen und Leser, so die Jury, "indem sie alles Politische, das sich in ihrem Text verbirgt, mit der Schönheit ihrer Sprache überdeckt". Katherina Braschel wurde 1992 in Salzburg geboren, sie lebt und arbeitet in Wien und ist Redaktionsmitglied des Literaturmagazins &radieschen. Sie bezeichnet sich selbst als Feministin. 2019 wurde sie mit dem Rauriser Förderungspreis und dem Exil-Literaturpreis für Autor*innen mit Deutsch als Erstsprache ausgezeichnet.

Der Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation zeichnet seit 2017 literarische Kurztexte aus, die sich um aktuelle gesellschaftspolitische Themen drehen. Für die mit insgesamt 15.000 Euro dotierten Förderpreise gibt der jeweilige Preisträger – in diesem Jahr Thomas Stangl – das Thema vor. Er formulierte die Frage: "Im Schreiben tauschen Tote und Lebende höflich die Plätze. Oder: Kann man dem Tod die kalte Schulter zeigen?"

Unter den eingereichten Texten wählte eine Jury 10 Autor*innen für die Shortlist aus. Am 23. November wurde der Preis in Frankfurt vergeben. Die drei Gewinner*innen Katherina Braschel, Luca Manuel Kieser und Jana Krüger lasen gemeinsamen mit weiteren Nominierten im Rahmen einer Lesenacht im "frankfurtersalon". Den Gewinnertext von Jana Krüger senden wir am 11. Februar in der hr2-Spätlese.

Sendung: hr2-kultur, Spätlese, 28.01.2020, 22:00 Uhr

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