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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Das ist witzig, ironisch und es fällt die unglaubliche Spielfreude aller Figuren auf."

Candide in Kassel

Stimmt die These des Philosophen Leibniz, dass unsere Welt die vollkommenste aller möglichen Welten sei? Voltaire sagt "Nein!" und erfindet eine verrückte Geschichte, voller beißender und gesellschaftskritischer Ironie. Leonard Bernstein machte in den 1950er Jahren eine Oper daraus - parallel zu seiner "West Side Story" - aber völlig anders.

Bernstein selbst nannte die Musik zu "Candide" einmal seine "Liebeserklärung an die europäische Musik". Da gibt es Tanzformen wie Gavotte, Mazurka oder Polka, auch eine Koloratur-Arie. Eine tolle Mischung aus Operette, Musical und Revue zugleich. Die eigentliche Handlung findet in Erzählpassagen zwischen den Musiknummern statt. Die nehmen großen Raum ein. Das erfordert schon einige Aufmerksamkeit beim Zuschauen bzw. verlangt genaues Hinhören. Das lohnt aber!

Einen philosophisch-satirischen Roman als Broadwaystück?

Das Stück bleibt beim Wesentlichen: Im Mittelpunkt steht Candide als unverbesserlich optimistischer Antiheld. Er lebt bei seinem Onkel, einem Baron, wird von seinem Lehrer Dr. Pangloss in dem Glauben erzogen, in der besten aller möglichen Welten zu leben.

Candide in Kassel

Doch dann verliebt er sich in die Tochter des Barons, Kunigunde, und wird mit ihr zusammen in einer verfänglichen Lage von seinem Hausherren erwischt. Er wird von seiner Familie verstoßen und muss in die Welt hinausziehen. Und nun beginnt eine Odyssee über mehrere Kontinente, welche Candide durch Schlachten, Naturkatastrophen, Gefangenschaft und Sklaverei führt. Ihm wird schmerzlich klar, wie es tatsächlich um die Welt und die Menschen bestellt ist. Er bleibt aber unverbesserlicher Optimist.

Wie funktionieren die vielen Schauplätzen auf der Bühne?

Philipp Rosendahl inszeniert das Ganze so, dass es auf die Orte geografisch nicht ankommt. Hier geht es nur darum, die Abgründe menschlichen Handelns aufzuzeigen: Die Personen und ihr Verhalten stehen im Vordergrund, das ist witzig, ironisch. Da gibt es auch durchaus Gegenwartsbezüge, aber sie fallen nie aus dem Stück. Und es fällt die unglaubliche Spielfreude aller Figuren auf.

Candide in Kassel

Das Bühnenbild von Daniel Roskamp zeigt die Orte symbolisch angedeutet, das kleine Orchester sitzt erhöht vor der ganzen Bühne. Die Darsteller umspielen es, gehen aber auch mitten hindurch. Die Drehbühne ist in einer offenen Halbkugel dahinter. Auch die Farben der Figuren spielen eine große Rolle. Sie sind einschließlich der Haare oft grell, fast wie im Comic, tragen die Handschrift von Kostümbildnerin Brigitte Schima.

Von Anfang bis Ende wird das Bühnengeschehen filmisch begleitet. Das ist Videokunst verschiedenster Inhalte. Manchmal untermauert sie den Text, oft zeigt sie eine parallele Welt, wo es zum Beispiel um künstliche Intelligenz geht.

Überzeugende Regie - und die musikalische Umsetzung?

Das Orchester mit 16 Musikern klingt sehr durchsichtig, die Balance zwischen Stimmen und Orchester ist perfekt. Dirigent Alexander Hannemann macht das souverän, denn Bernsteins Musik ist ja unglaublich vielfältig und rhythmisch sehr anspruchsvoll.

Auch die Sängerinnen und Sänger haben große Anforderungen zu bestehen. Das machen sie allesamt mit Bravour – einschließlich des Chores. Daniel Jenz als Candide sehr ausdrucksstark, Lin Lin Fan unvergleichlich als Kunigunde, wo sie ja sogar eine Koloratur-Arie zu bestehen hat. Nicht zu vergessen die ganz zentrale Rolle des Erzählers, also Voltaire bzw. Dr. Pangloss. Philipp Basener macht das mit unglaublichem Einsatz überzeugend. Am Ende gab es begeisterten Applaus, standing ovations, wie man es nicht alle Tage erlebt.

Weitere Informationen

Candide

Broadway Revival 1974 Version
Staatstheater Kassel
weitere Aufführungen am 29.1.; 1., 6., 9., 14., 22.2.; 15., 29., 31.3. bis Juni 2020

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 28.1.2020, 7:30 Uhr

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