Synke Köhler

Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum hat nun auch die Hauptstadt erreicht. Viertel wie der Prenzlauer Berg oder Neukölln, in denen sich früher Bohemiens und urbane Dörfler durchlavierten, werden erst saniert und sind dann unbezahlbar. Es findet ein Verdrängungsprozess statt, der zu sozialen Verwerfungen führt – irgendwann ist auch die letzte Plattenbausiedlung gentrifiziert.

In die "Die Entmieteten" schildert Synke Köhler die Verdrängung von Altmieter*innen aus einem Haus, das der Investor abreißen lassen will.

hr2-kultur: "Gentrifizierung" ist das Stichwort, wenn ein Stadtteil plötzlich angesagt ist, dann kommen die Investoren, dann kommen die Leute mit Geld und die alten Mieter müssen weichen. Haben Sie das auch erlebt? Oder was war der Anlass für Ihren Roman?

Synke Köhler: Der Antrieb für meine Roman war, dass das in meinem Umfeld an mehreren Stellen passiert ist. Inzwischen ist es allerdings so, dass wir auch ein Moderisierungsankündigung bekommen haben, also für meine Wohnung und das ganze Haus, wo die Miete auf 250% steigen soll.

Ihre Geschichte spielt auf dem Prenzlauer Berg in Berlin, hat es den Berliner Osten besonders hart getroffen?

Köhler: Ich glaube im Berliner Osten hat es angefangen. Schon in den 90er Jahren. Aber inzwischen betrifft es alle Bezirke, also alle, die Altbausubstanz haben, wo es "herrschaftliche" Wohnungen gibt... wobei, ich glaube das es sogar andere Wohnungen schon betrifft.

Die Hausgemeinschaft, der Kiez, bricht durch dieses "Entmieten" zusammen. Aber so eine Hausgemeinschaft, so eine Nachbarschaft gibt es in Ihrem Roman gar nicht...?

Köhler: Das beschreibt ja auch so ein bisschen Berlin. Das ist schon so eine Stadt, in der man auch ein bisschen vereinzelt lebt. Dieses "Enthaustsein" wird im Prinzip im Roman verdoppelt. Man verliert dann sogar noch das Allerletzte, was man hat. Auf der anderen Seite ist man ja auch im Kiez verwurzelt, wie man nicht unbegingt mit dem Haus verwurzelt ist.

Es trifft immer Leute, die sich nicht wehren können oder wollen. Auch die von Ihnen beschriebe Hausgemeinschaft weiß nicht so recht, was sie tun soll...

Köhler: Das ist so eine Art des Fatalismus. Das man das Gefühl hat, man kommt gar nicht dagegen an. In Berlin wird sich ja jetzt viel gewehrt, aber zum Schluss - wenn man unterm Strich sieht, wie viele Leute können wohnen bleiben - dann ist das verschwindend gering. Und man muss auch sagen, die Leute haben vielleicht schon ein anstrengendes Leben und sich zu wehren, das kostet wahnsinnig viel Kraft. Das kann ich ihnen jetzt wirklich aus eigener Erfahrung sagen.

Unter dem Motto "Erregungen" wollte das 10. Literaturfestival FrankfurtRheinMain literaTurm die zunehmende Gereiztheit gesellschaftlicher Debatten in den Fokus stellen. Gespräche mit ausgewählten Festival-Mitwirkenden hören Sie vom 23. bis 27. März im hr2-Kulturfrühstück und hr2-Kulturcafé und können Sie online hören.

Die Fragen stellte hr2-Moderatorin Imke Turner.

Sendung: hr2, Kulturfrühstück, 27.03.2020, 7:30 Uhr.

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