Ute Frevert

Das Virus hat tief in unser Leben eingegriffen und wird es noch auf einige Zeit beeinflussen. Schon jetzt ist deutlich geworden, dass die Menschen sehr unterschiedlich mit der Bedrohung und der erzwungene sozialen Distanz umgehen.

Sie zeigen dabei nicht nur ihre guten, sondern auch ihre schlechten Seiten. Welchen Einfluss die Maßnahmen auf unsere derzeitige und vielleicht künftige Gefühlswelt haben, erläutert die Historikerin Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereichs "Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Wie fällt denn Ihre Bewertung der inneren Verfasstheit unserer Gesellschaft derzeit aus?

Ute Frevert: Es ist natürlich immer schwierig, von der gesammten Gesellschaft zu sprechen. Und es ist besonders schwierig in der jetzigen Situation, in der wir beobachten, dass dieser Gesellschaft eine Zeit lang sehr diszipliniert und im Gleichschritt marschierte, jetzt in ganz verschiedenen Rhythmen und auch Gruppen auseinanderfällt. Es gibt die, die sich sehr stark sorgen, es gibt diejenigen, die so tun als ob ihnen diese Corona-Gefährdung überhaupt nichts an tun könnte. Das verbindet sich dann auch mit politischen Positionierungen.

Wird man einmal von einem "Vor-" und einem "Nach-Corona-Bewusstsein" sprechen?

Frevert: Ich denke, dass diejenigen, die diese Zeit erlebt haben, sich daran erinnern werden. Ob sie aber so eine Zäsur - wie sie vorgeschlagen haben "vor" vs. "nach Corona Zeiten" - da wäre ich skeptisch. Weil zum einen das Bemühen ja sehr stark ist bei allen, und bei Menschen generell, möglichst rasch in eine Normalität zurück zu kommen, auch wenn sich diese Normalität sicherlich von der unterscheiden wird, die wir bislang gekannt haben. Aber sie wird sich nicht so drastisch unterscheiden, wie das, was wir in den ersten 6 Wochen dieser Krise erlebt haben.

Würden Sie sagen, dass die letzen 6 Wochen eher von Rücksichtnahme geprägt waren? Vielleicht mehr, als wir erahnen konnten - oder doch eher durch Rücksichtslosigkeit?

Frevert: Diese schwarzen Schafe, die sich über alles hinwegsetzen und damit sich und andere gefährden, die gibt es natürlich immer. Und wir neigen dazu, auch in der Berichterstattung, auf diese schwarzen Schafe besonders zu achten. Und verlieren darüber oft die große Mehrheit der Bevölkerung aus dem Blick, die sich in diesen 6 Wochen in der Tat - wie ich finde und auch beobachtet habe - in einer Weise rücksichtsvoll, solidarisch und empathisch benommen hat, zueinander gefunden hat, wie ihr das viele auch nicht mehr zugetraut haben.

Und was mir auch aufgefallen ist, wenn man jetzt nicht nur auf die Binnensolidarität, das Binnenverhältnis der Bürger zueinander schaut, sondern auch mal den Blick nach draußen wendet, dass es sehr wenig Selbstgerechtigkeit gab. So nach dem Motto: "Wow, wir sind Klasse. Wir machen das alles richtig. Und die anderen, sprich die Italiener, die Franzosen, die Spanier - kann man mal wieder sehn, die hängen hinterher." Diese Töne, diese selbstgerechten Töne der Unterscheidung zwischen den europäischen Nationen, die hab ich überhaupt nicht gehört und ich hab sie auch nicht vermisst.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 12.05.2020, 17:10 Uhr.

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