Eine Demonstrationsteilnehmerin mit Gesichtsmaske

"Corona ist eine Erfindung der Pharmaindustrie! Menschen, die daran erkranken, müssen so für ihre Sünden büßen!" Oder: "Das Virus wurde in chinesischen Geheimlaboren gezüchtet!" - Verschwörungstheorien verbreiten sich nicht nur im Netz wie Lauffeuer und sind schon lange kein Randphänomen mehr.

In Ihrem Buch "Fake Facts" beschreiben die Psychologin Pia Lamberty und die Netzaktivistin Katharina Nocun, wie sich Menschen aus der Mitte der Gesellschaft durch Verschwörungstheorien radikalisieren und die Demokratie als Ganzes ablehnen. Und sie geben Tipps und Strategien zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

Welche Rolle spielen neue Medien in diesem Prozess? Wie schnell wird jeder von uns zu einem Verschwörungstheoretiker? Und wie können wir verdrehte Fakten aufdecken und uns vor Meinungsmache schützen? Wie erkenne ich verdrehte Fakten, Fake News?

Manchmal ist das natürlich sehr leicht, wenn Dinge behauptet werden. Aber oft ist es heutzutage gar nicht mehr so trivial, wenn es auch auf offizielle Fakten bezogen wird, also beispielsweise auf Aussagen des Robert-Koch-Instituts. Das Ganze wird aber dann vielleicht falsch eingebettet oder wird verkürzt widergegeben oder es werden einfach nur alte Quellen berücksichtigt. Ich würde vorschlagen, dass man kritisch mit den Quellen umgeht, dass man sich vielleicht auch noch einmal anschaut, was sagen denn eigentlich andere dazu? Faktenchecks erleichtern das!

Muss man eine bestimmte mentale Konstitution oder politische Haltung mitbringen, um anfälliger zu sein als andere?

Der Glauben an Verschwörungen ist stärker bei Menschen ausgeprägt, die sich politisch Rechts verorten. Das ist nicht nur in Deutschland, das kann man für viele Länder zeigen. Aber natürlich muss man vorsichtig sein, dass man das nur als Phänomen "der anderen" sieht - sondern sich klar macht, dass sich auch in eher linken-alternativen Kreisen Verschwörungsglauben findet. Und das ist genau auch ein Problem: Das Phänomen hat das Potenzial, unterschiedliche Gruppen miteinander zu verbinden.

Wie schnell kann jeder zum Verschwörungstheoretiker werden?

In der Psychologie erforschen wir die sogenannte Verschwörungsmentalität, also die generelle Tendenz, an Verschwörungen zu glauben. Und wir alle bewegen uns auf einer Skala von eins bis sieben. Die meisten Menschen befinden sich irgendwo in der Mitte. Man darf aber nicht denken, dass diese Skala Irrationalität misst - diese Skala misst, wie misstrauisch, wie vorurteilsbehaftet ich, mein Gegenüber oder Gruppen sind. Jemand, der ganz niedrige Werte hat, ist jemand, der zum Beispiel den Geheimdiensten komplett vertraut, oder sagt: "Die Polizei, der Staat, die machen alles richtig." Und dann haben wir eben die andere Seite von Menschen, die sagen. "Nee, da muss immer was dahinter stecken, denen vertraue ich auf keinen Fall, die planen irgendetwas Niederträchtiges!"

Welche Rolle spielen denn die alten und vor allem die neuen Medien dabei, dass immer mehr Menschen krude Gedanken gut finden?

Insgesamt muss man sich bewusst machen, dass der Verschwörungsglauben nicht neu ist. Den gab es schon im Mittelalter. Der Nationalsozialismus hat stark über Verschwörungsmythen funktioniert. Es gibt Studien aus den 1980er-Jahren, die zeigen, dass knapp 40 Prozent der Bevölkerung geglaubt haben, dass es eine "linke Lügenpresse" gäbe, die die Bevölkerung systematisch in die Irre führt. Also ist das kein Phänomen, das jetzt aufgrund der sozialen Medien erst aufkommt. Aber natürlich spielen sie hier auch eine Rolle. Die Algorithmen, nach denen etwa YouTube funktioniert, sind ja absichtlich so geschrieben, dass sie immer radikalere Inhalte präsentieren, damit die Menschen länger davor sitzen bleiben. Das heißt: Wer sich ein Video anschaut, das sich kritisch mit Impfungen auseinandersetzt, landet immer mehr in diesem verschwörungsideologischen Milieu. Und das ist ein Problem. Wir wissen aus Studien, dass eine einmalige Konfrontation mit einer Verschwörungserzählung im Labor einen Effekt haben kann. Eine Konfrontation in sozialen Medien macht was mit Menschen.

Wie kann man sich denn vor der Meinungsmache schützen?

Man sollte mit Selbstreflektion anfangen, also sich überlegen, was sind das eigentlich für Medien, die ich konsumiere? Doppelte Checks machen, dass man eben das noch mal gegenprüft, was jetzt gerade die Information ist - und eben nicht in Feindbilder abdriftet.

Lesen und hören Sie hier weitere Gespräche in unserer Reihe
"Ideen für eine Welt nach Corona"

Die Fragen stellte Daniella Baumeister
Sendung: hr2-kultur, 9.7.2020, Kulturcafé, 17:10 Uhr

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