Schreibschrift

Die Illustratorin und Designerin Lena Zeise hat ein Buch über "Schreibschriften" verfasst, im Untertitel "eine illustrierte Kulturgeschichte". In diesem Buch wandert sie durch die Geschichte der menschlichen Schrift.

Die Frage bekommen Sie wahrscheinlich ständig gestellt: Wann hat das angefangen mit dem Schreiben?

Das Schreiben an sich hat sehr früh begonnen vor etlichen tausend Jahren mit den ersten Bilderschriften. Ich starte in dem Buch bei den Römern und behandele vor allen Dingen die Anfänge der lateinischen Schrift und dann die Entwicklung von den Römern bis hin zur heutigen Zeit mit lateinischer Schreibschrift und deutscher Schreibschrift, die ja mehrere tausend Jahre umspannt.

Es gibt diesen Ausdruck "es ist geritzt". Haben wir vorher geritzt und dann geschrieben?

Gerade die frühen Schriften wurden ja durchaus auch eingeritzt. Eine große Kategorie sind ja die Inschriften, die in irgendeiner Form aufgebracht werden, durchaus auch eingeritzt wurden, nicht zwingend nur gemeißelt. Von daher spielt das auf jeden Fall eine Rolle.

Ich habe meine Schreibschrift abgelegt mit meiner letzten Abiturarbeit. Ich schreibe Druckbuchstaben, kann die Schreibschrift aber noch. Und manchmal schreibe ich so zum Spaß einen Einkaufszettel in dieser deutschen Schreibschrift. Ist das in anderen Ländern Europas auch so, dass die Schüler alle 30 Jahre eine völlig neue Schrift lernen sollen?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gespräch mit Autorin und Illustratorin Lena Zeise über die Kulturgeschichte der Schreibschrift

Lena Zeise
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Diese Entwicklung, wie sie jetzt in Deutschland ist, die hat man auch in den anderen Ländern gesehen, dass es auch stets zu Vereinfachungen hingeht. Wir hatten die lateinische Ausgangsschrift, was eine Schulschriftform war. Später kam die vereinfachte Ausgangsschrift, jetzt nennt sich das Ganze Grundschrift, wo man Buchstaben verbinden kann, aber nicht muss. Und diese Tendenz sieht man definitiv auch in Nachbarstaaten. Finnland beispielsweise ist das erste Land, was die Schreibschrift in den Schulen abgeschafft hat und gesagt hat: Wir zeigen den Kindern, wie Druckschrift geschrieben wird, und danach wird getippt.

Also gar nicht mehr diese schnörkelhafte Schrift.

Tatsächlich hat Schreibschrift ja gar nicht immer nur was mit Schnörkeln zu tun. Es ist ja vor allen Dingen das Verbinden von Buchstaben zu einer Schrift. Man könnte sagen "laufen zu lassen". Sie heißen nicht umsonst auch wirklich "laufende Schriften". Selbst Leute, die sagen, sie schreiben eine Druckschrift, neigen oft dazu, zumindest einzelne Buchstaben zusammenzuziehen und zu verbinden. Man findet auch bei Leuten, die Druckschrift schreiben, eigentlich diese teilverbundenen Schriften.

Stimmt. Wenn ich jetzt auf meine Notizen schaue, ist alles miteinander verbunden. Hier steht zum Beispiel "Sauklaue", und da ist "Klaue" in einem geschrieben. Sie haben Recht. Jetzt noch mal zurück zum Erlernen: Ich musste in der zweiten Klasse Sütterlin lernen. Und da haben wir dann Tusche bekommen und eine Stahlfeder und haben furchtbar herumgekleckst. Das war nicht so bequem wie der Füller. Gibt's das noch an Schulen, dass Sütterlin gelehrt wird?

Nein, die Sütterlinschrift ist tatsächlich inzwischen ausgestorben in den Schulen. Es gibt noch Vereine, die versuchen, die zu bewahren, wo Interessierte sich kundig machen können, es lernen können zu lesen und zu schreiben. Aber in den Schulen selber wird Sütterlin seit den 70er-Jahren nicht mehr gelehrt. Abgeschafft wurde es eigentlich schon durch die Nationalsozialisten.

Die Schrift in der Schule ist ja auch immer eine ideologische Sache. Die Nazis haben da schwere Brüche vollzogen. Können Sie uns das erzählen?

Um noch mal kurz auf Sütterlin zurück zu kommen: Ludwig Sütterlin hat 1911 diese Schulvorlage entwickelt. Sütterlin war ein Schriftgestalter. Und der wurde beauftragt vom preußischen Kultusministerium, aus der Kurrentschrift - was die deutsche Schreibschrift zu der Zeit war - eine Vorlage für Schulen zu entwickeln. Das nennt man Sütterlinschrift. Die ist 1914 an Berliner Schulen getestet worden und 1934 flächendeckend eingeführt worden. Das heißt aber: Schüler haben beide Schriften gelernt, die deutsche Schreibschrift und die lateinische. Die Nationalsozialisten haben dann die deutschen Schreibschriften und überhaupt die deutschen Schriften per Erlass 1941 abgeschafft. Aber wenn man jetzt darüber hinaus schaut: In anderen Ländern wurden eben lateinische Schriften gedruckt und geschrieben und waren wesentlich verbreiteter.

Lena Zeise, Sie sind gelernte Illustratorin, und man merkt diesem Buch an, dass Sie eine Federsammlung haben müssen. Sie zeichnen diese Federn, Sie haben sogar eine kleine Anleitung: Wie schnitzt man aus einem Gänsekiel eine Feder? Ist das ihre Leidenschaft? Und wann hat das angefangen? Hat das in der Schule angefangen?

In der Schule habe ich natürlich auch Schreibschrift noch gelernt. Und ich habe sie bis heute beibehalten, wobei ich meine eigene Schrift nicht besonders gut finde, muss ich vielleicht dazu sagen. Ich konnte sie immer lesen, und ich schreibe tatsächlich gerne wieder von Hand. Dieses Interesse an den Schriften begonnen hat für mich eigentlich mit dem Fund eines Poesiealbums auf einem Flohmarkt. Da mag ich 17 oder 18 gewesen sein, vielleicht sogar noch ein bisschen jünger. Ich fand das ganz toll von den Schriften her und habe dann festgestellt: Ich kann's nicht lesen, obwohl es Deutsch ist, eben weil es in der deutschen Schreibschrift geschrieben wurde. Ja, und dieses Interesse hat mich im Studium begleitet, auch an Familienschriftstücken, die ich über die Zeit gefunden habe, was das hat aufleben lassen. Und daraus ist dann dieses Buch  entstanden.

Kann man denn sagen, dass die "Sauklaue" von Charakter zeugt?

Ja, also jeder hat seine eigenen Vorlieben, wie er schreibt. Und das zieht sich über die Jahrhunderte, es gibt teilweise keine richtigen Vorgaben, sondern die Schreiber haben irgendwann angefangen das nach Vorliebe zu machen. Und teilweise waren die Schriften sehr, sehr unterschiedlich, obwohl sie heutzutage vielleicht sogar zu einer Schriftkategorie gehören. Solange die Sauklaue lesbar ist, ist es auch noch eine gute eigene Schrift mit Charakter.

Wir haben eine Kollegin - Name tut nichts zur Sache -, deren Schrift kann keiner lesen. Und sie hat letztens zugegeben, unter lautem Gelächter der Redaktion, sie könne sie auch nicht mehr lesen. Aber es wäre besser im Kopf, wenn sie es erst einmal aufgeschrieben hätte.

Da gibt es so einige wissenschaftliche Erkenntnisse heute. Gerade eine schnell geschriebene Schrift hinterlässt im Gehirn motorische Muster, die sich abspeichern. Das heißt, man kann seine eigene Schrift mit geschlossenen Augen auch wieder abrufen. Sie sieht fast genauso aus wie mit offenen Augen, natürlich immer unter der Voraussetzung, dass man ein geübter Schreiber ist.

Definitiv hat man herausgefunden, dass Schrift Gedächtnistraining ist, dass sie die Kreativität fördert, die kognitive Entwicklung fördert. Von daher sollte sie eigentlich heute auch noch zeitgemäß sein. Und gerade diese verbundene Schrift hat sich ja dadurch entwickelt, dass man gesagt hat, man braucht eine schneller zu schreibende Schrift. Man hat aufgehört, die Buchstaben zu trennen, sondern hat sie ineinander überfließen lassen.

Und wie geht es weiter? Werden wir in hundert Jahren noch mit der Hand schreiben? Das Allerneueste sind ja diese Sprachmemos, die man aufnimmt und dann verschickt. Da kann der andere auch nicht mehr widersprechen - das ist eine moderne Unart der sozialen Medien. Wird es Schreibschrift noch geben?

Zum einen kann man erst mal sagen: Unsere ganze Gesellschaft basiert auf Schrift und auf dem Schriftlichen. Natürlich ist klar: Wir schreiben vermehrt elektronisch, benutzen die elektronischen Mittel, was an sich auch ganz natürlich ist. Der Buchdruck war ja auch eine neue Erfindung, die dann aufgegriffen wurde und viel verändert hat. Aber deswegen ist das Schreiben nicht ausgestorben.

Cover Lena Zeise

Es ist schlicht so, dass sich der Anwendungsbereich der Handschrift in einen Nischenbereich verschiebt. Alles, was persönlich sein soll, wird heute eigentlich immer noch von Hand geschrieben, also Widmung, Grüße, auch Kondolenzkarten. Und es ist natürlich Pflicht, das eigene Testament, wenn man es nicht vom Notar aufsetzen lässt, per Hand zu schreiben. Also hat es immer noch diesen Identitätsfaktor. Und man kann feststellen, dass die Wertschätzung für handgeschriebene Sachen gestiegen ist. Man hat immer wieder diese Trends zum Handgemachten, zum Beispiel aktuell der Lettering-Trend, wo ja viele Buchstaben gezeichnet werden.

Also Initialen und so weiter.

Ja, wo es mehr um das Zeichnen als das Schreiben geht, wo es um diese Außenwirkung geht, um das Ästhetische, also sehr verwandt mit der Kalligraphie. Kalligraphie selber wird natürlich auch immer noch viel betrieben. Derade durch diese Vorteile, die man mit dem Gedächtnistraining, der kognitiven Entwicklung hat, wäre es schade, wenn wir es fallen lassen, per Hand zu schreiben.

Die Fragen stellte Alf Haubitz.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 15.06.2020, 17:10 Uhr.

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