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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Es gibt spezifisch menschliches, das kann ein Roboter nie leisten!"

Lisa Herzog

Die Corona-Pandemie hat vieles verändert. Nicht zuletzt, die Art wie wir arbeiten. Das home office ist für viele zum Normalzustand geworden, in puncto Digitalisierung wurden neue Techniken in Rekordzeit gelernt. Die Philosophin Lisa Herzog hat sich intensiv mit Veränderungsprozessen in unserer Arbeitswelt, insbesondere durch die Digitalisierung, auseinandergesetzt.

Denken Sie, Frau Herzog, die Veränderungen in der Arbeitswelt, die wir im Moment erleben, werden von Dauer sein?

Manches sicher: Das, was sich bewährt, was zum Beispiel Reisekosten und ja auch CO2-Emissionen einspart. Da wird sicher einiges bleiben.

Home-Office

Aber ich denke, dass sehr viele Menschen, die im Moment hauptsächlich digital basiert arbeiten, merken, wie wichtig doch der persönliche Kontakt ist. Dass wirklich etwas verloren geht, wenn Arbeiten immer vom eigenen Wohn- oder Schlafzimmer aus passiert und dieser soziale Raum mit Kolleginnen und Kollegen fehlt. Insofern ich glaube, wir werden Mischformen sehen.

Die einen kommen jetzt ganz gut durch, die anderen arbeiten viel zu viel, viele werden arbeitslos. Sie beschreiben diesen Effekt auch als ein mögliches Szenario. Ist Corona denn der einzige Grund? Oder befinden wir uns ohnehin in einer Entwicklung, die eingesetzt hätte? Und Corona ist jetzt nur so etwas wie ein Beschleuniger?

Wir sind seit Jahren und Jahrzehnten in dieser sogenannten Digitalisierung. Es ändern sich ständig in kleinen Schritten Dinge, die dann insgesamt doch sehr große Veränderungen bringen.

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„Vielleicht merken wir selber gar nicht so sehr die Veränderungen, weil wir wie die Fische im Wasser sind, die nicht merken, dass sie nass sind.“ Zitat von Lisa Herzog
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Wir sind seit Jahren und Jahrzehnten in dieser sogenannten Digitalisierung. Es ändern sich ständig in kleinen Schritten Dinge, die dann insgesamt doch sehr große Veränderungen bringen. Corona legt sich da sozusagen drüber und ist noch mal eine andere Art von Krise und Herausforderung, weil ja gerade der menschliche Kontakt eben wegen des Infektionsrisikos hier minimiert werden muss.

Home-Office

Und im Rahmen oder im Zuge der Digitalisierung ist eine sehr spannende Frage, in welchen Berufen und Tätigkeiten dieser persönliche Kontakt eigentlich enorm wichtig ist. Und wir nicht wollen, dass Computer oder Roboter oder Algorithmen bestimmte Aufgaben übernehmen. Oder wenn wir feststellen, dass Maschinen dieses und jenes nicht können, gerade weil es spezifisch menschlich ist.

Heißt das denn, dass wir eine viel stärkere Diskussion haben sollten - über die Zukunft der Arbeitswelt und das, was wir im Moment erleben. Sollten wir vielleicht unsere Werte mit einbeziehen, um zu gucken, was funktioniert und was nicht?

Also auf jeden Fall brauchen wir diese Lernprozesse und auch die Diskussion darüber, was denn wirklich funktioniert. Denn "Funktionieren" ist ja oft eine Wert-geladene Kategorie. Es funktioniert vielleicht für manche Menschen und manche Gruppen besser als für andere. Und das kann dann auch gewisse Gerechtigkeitsfragen aufwerfen. Für wen es welche Folgen hat, wenn wir eben zum Beispiel stärker auf digitale Tools umsteigen.

Und ein zweiter Effekt, der mir aber auch sehr wichtig erscheint, ist, dass diese Krise uns noch einmal klargemacht hat, wie unterschiedlich die beruflichen Situationen sind und wie unterschiedlich und unvorhersehbar es ist, wie es einzelne Menschen und Gruppen erwischen kann. Wenn dann eben diese Art von Krise zuschlägt oder eine andere Art von Krise.

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Lisa Herzog ist Philosophin und Sozialwissenschaftlerin. Sie ist Professorin am Centre for Philosophy, Politics and Economics der Universität Groningen, vorher an der Hochschule für Politik München. Sie hat am Institut für Sozialforschung und am Exzellenzcluster Normative Orders an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main geforscht.

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Home Office

Und das wirft noch mal sehr grundlegende Fragen auch nach Solidarität auf. Wir haben ja auch gemerkt, wie unglaublich abhängig wir voneinander sind, besonders von Berufen, die oft nicht so sehr im öffentlichen Mittelpunkt stehen. Diese Frage, wie wir eigentlich damit umgehen, dass es irgendwo jeden erwischen kann und wir uns eigentlich solidarisch auch gegenwärtig absichern sollten, in den Sozialversicherungssystemen, die wird dadurch auch noch mal neu aufgemacht.

Ist es denn auch eine Chance? Also ich habe so den Eindruck, es wird im Moment auch sehr viel negativ berichtet, weil es eben auch viele Menschen trifft, die im Moment große Probleme haben. Steckt auch eine Chance in der momentanen Situation, dass unsere Arbeitswelt humaner beziehungsweise demokratischer wird?

Ich möchte jetzt nicht so zynisch klingen und sagen "jede Krise ist eine Chance", denn es betrifft manche Leute wirklich sehr, sehr hart. Und insofern muss man dann mit der Rhetorik und auch mit dem Umgang damit schon sehr, sehr vorsichtig sein. Aber es ist insofern eine Chance, als wir einfach gezwungen wurden, gewisse Dinge auszuprobieren und dadurch verschieben sich auch so gewisse Denkschemata.

Zitat
„Es hat sich gezeigt, dass Menschen auch ohne Kontrolle, oft von innen heraus motiviert, auch gute Arbeit leisten wollen.“ Zitat von Lisa Herzog
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Zum Beispiel war schon in vielen Betrieben vor Corona die Annahme auf Seiten der Arbeitgeber, "die Leute müssen im Büro oder im Betrieb arbeiten, sonst kann man ja nicht kontrollieren, was die machen und wer weiß, ob die daheim überhaupt ordentlich arbeiten ..." Das hatte die Forschung eigentlich schon lange hinterfragt.

Die Silhouette einer Frau am heimischen Schreibtisch vor einem Fenster.

Aber jetzt durch die Situation während der Krise wurde das dann auf einmal notwendig und ist schon bei vielen Leuten in einem ganz anderen Maße angekommen, als wenn irgendeine empirische Studie mit einer begrenzten Zahl an Fällen das schon behauptet hat. Und das wirft dann in Folge auch weitere Fragen auf, nämlich zum Beispiel wie viel Kontrolle von oben brauchen wir dann überhaupt? Und das könnte hoffentlich auch dazu beitragen, dass wir über Arbeit neu nachdenken und sie vielleicht anders gestalten.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister.
Sendung: hr2-kultur, 24.6.2020, 17:10 Uhr

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