Andreas Steinhöfel

Wie kommen Künstler, vom Schauspieler über den Sänger bis zum Regisseur mit der aktuellen Situation zurecht. Für die heutige Folge ist unsere hr2-Kulturreporterin nach Marburg-Biedenkopf gefahren und hat den Kinder- und Jugendbuch-Autor Andreas Steinhöfel getroffen.

Das Haus liegt abgelegen, rundum nur Wiesen, Baumgruppen und ein Flüsschen, irgendwo hört man auch noch eine stark befahrene Landstraße. Aber eine Klingel scheint es hier nicht zu geben ... und keine geschlossene Haustür ... dafür einen Hund. Der Kaffee läuft schon. Und für's Gespräch setzen wir uns auf die Terrasse, wo uns Pola, der wuschelige Hund von Andreas Steinhöfel, schon schwanzwedelnd erwartet. Der Schriftsteller selbst lässt sich in den Gartenstuhl plumpsen und wirkt unglaublich tiefenentspannt. Trotz Corona.

Ich hab großes Glück gehabt. Als die erste Welle anfing bei uns, also Januar, Februar, das war für mich der Zeitpunkt wo ich eh schon ein halbes Jahr vorher beschlossen hatte, da schreibst du ein Buch, das heißt ich hab dann bis jetzt die ganze Zeit durchgeschrieben, sitze also im Homeoffice, wo ich sowieso gesessen hätte. Das ist das eine und das andere ist, dass ich hohe Auflagenzahlen hab mit den Kinderbüchern und dadurch das große, große Glück, dass ich im klassischen Sinne keine Einbußen habe, weil mir keine Aufführungen wegbrechen.

Stimmt, ich hab fast vergessen, dass dieser sympathische, unkomplizierte Mann ja ein Weltstar ist. Oder eigentlich seine Bücher. Allein sein Buch "Rico, Oskar und die Tieferschatten" gibt es in 30 Sprachen und wurde sogar verfilmt. Aber trotzdem, macht ein Schriftsteller nicht auch viele Lesungen?

Ich mach keine Lesungen mehr, nur noch zu Buchpremieren. Und das wäre dann diesen Herbst der Fall. Das liegt ein bisschen daran, dass ich nicht gerne reise, ich hasse es, meine Scholle hier verlassen zu müssen, mein Haus - und ich bin auch nicht mehr gerne in Großstädten und ich sitze auch nicht gerne in der Bahn. Vielleicht werd ich einfach so ein alter Zausel, ich hab keine Ahnung.

Einen Zausel hab ich mir anders vorgestellt. Mit deutlich mehr Haaren auf dem Kopf, einem Bart. Und irgendwie schräg. Andreas Steinhöfel ist aber vor allem unglaublich zugewandt, offen und sein Lächeln scheint ihm direkt aus den Augen zu springen. Aber dann rutscht es plötzlich weg. Ihm fällt nämlich ein, dass er doch auch Nachteile durch das Virus hat:

Ich hab ja noch eine kleine Filmproduktionsfirma, da ist es anders, wir hätten jetzt ab August eigentlich Dreharbeiten gehabt, das können wir vergessen, also da muss nur einer im Team krank werden, dann kannste alle in die Quarantäne schicken. Da lassen wir's lieber gleich - und das ist schlimm, weil da auch wieder 40 Leute dranhängen mit ihren Freiberuflerjobs.

Für ihn selbst reißt der abgesagte Dreh kein Loch ins Budget, gibt er zu. Finanziell kann ihm Corona nix. Aber die zwischenmenschlichen Nebenwirkungen machen ihm zu schaffen. Er etwa könne seine kleinen Nichten nicht sehen. Andreas Steinhöfel runzelt die Stirn. Hört auf zu sprechen. Kurz. Und erzählt dann mit einem leicht genervten Tonfall, dass sich offenbar auch Verlage und Hilfsorganisationen Gedanken machen, wie vor allem Kinder aus den Lockdown-Tiefs wieder rauskommen. Jedenfalls würden in letzter Zeit ständig spezielle Anfragen ins Haus flattern.

'Können Sie für uns was lesen? Machen Sie's mit dem Handy!' Na, das war schon was völlig fatales ... ich dachte, ja klar, kein Problem. Das war doch eins, ich hab den ganzen Tag verplempert, um 20 Minuten mich beim Wackeln meines Doppelkinns zu filmen, weil mehr war das nicht, das war grauenvoll. 

Wobei er schnell betont, dass er nicht generell was gegen die vielen Online-Projekte seiner Künstlerkollegen hat. Tragisch sei nur, dass die meisten Künstler auch mit Online-Aktionen nichts verdienen. Und dass sie – trotz vollmundiger Versprechen des Staates – bei der Förderung meistens durchs Raster fallen.

Da werd ich sauer, wenn's dann heißt, ja die Künstler sollen mal sehen wie sie klar kommen. Und dann hätten sie was Gescheites lernen müssen, wo man sagt, ja Kopf in Wolken, alles Träumer ... Wir brauchen Träumer, wir brauchen Menschen, die sich verströmen können und denen es egal ist, ob sie da Reichtümer ernten oder nicht!

 

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 27.5.2020, 16:30 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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