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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dirk Steffens über die Bewahrung der Artenvielfalt

Dirk Steffens

Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens zeigt in seinem neuen Buch, das er mit Fritz Habekuß geschrieben hat, wie wichtig die Artenvielfalt für das menschliche Überleben ist. Aber was können wir tun, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten?

Was ist das Worst-Case-Szenario im Hinblick auf das Artensterben?

Dirk Steffens: Wenn das globale Artensterben tatsächlich die Dimensionen eines sechsten Massenaussterbens erreicht, dann sterben auch wir Menschen aus. Das ist der absolute "worst case", und das unterscheidet es auch von der Klimakrise. Auch ohne einen einzigen Gletscher auf dem Planeten Erde, ist hier immer noch menschliche Zivilisation möglich. Vielleicht nicht mehr so wie heute. Aber Menschen könnten weiterhin auf diesem Planeten leben. Ohne Artenvielfalt ist die menschliche Existenz vollständig unmöglich.

Dabei geht es um die Verkettung von so vielen Lebensformen, wie wir sie vielleicht gar nicht überblicken können. Ist das richtig?

Steffens: Ja. Wir haben mal zum Beispiel die Nahaufnahme von einem Lebewesen genommen, das keiner kennt, nämlich die Kieselalgen, die im Meer leben. Die Menschen denken immer: Die Luft, die wir atmen, die verdanken wir überwiegend den Wäldern. Das ist völlig falsch. Natürlich produzieren Bäume auch Sauerstoff. Aber die verbrauchen auch sehr viel.

Jeder zweite Atemzug, den wir nehmen, den verdanken wir den Photosynthese betreibenden Algen, die im Meer herumtreiben. Und wenn wir in diese Kreisläufe zu sehr eingreifen, dann fängt es mal damit an, dass wir nichts mehr zu atmen haben. Und das ist ein Lebewesen, das wir noch nicht einmal kennen.

Und so kann man an so einem Beispiel verstehen, was Biodiversität bedeutet. Nämlich schlicht: Wenn wir weiter atmen wollen, was zu essen haben wollen, etwas zu trinken haben wollen, dann müssen tausende, Millionen verschiedene Arten zusammenwirken, die dieses Lebenserhaltungssystem Erde am Laufen halten. Das ist ein total komplexes System, das die Natur aufgebaut hat, um Leben möglich zu machen.

Die Natur an sich hat keinen finanziellen Wert. Also wenn ich jetzt einen Stück Wald besitzen würde, gibt mir niemand Geld dafür. Wenn ich ihn abholze und verkaufe, erst dann wird er lukrativ. Müsste das andersrum sein, um einen Beitrag zu leisten?

Steffens: Ja, das müsste andersrum sein. Ich kann das aber verstehen. Diese sogenannte Inwertsetzung von Natur, ein Schlagwort aus dem Umweltschutz. Das hat jeder schon mal gehört, was da ausgerechnet wurde, was für eine tolle, milliardenschwere Leistung die Bienen da erbringen. Und so versuchen einige Naturschützer jeder Naturleistung, einer sogenannten Ökosystemdienstleistung ein Preisschild anzuhängen.

 Dirk Steffens

Was sind die Bienen wert? Was sind die Regenwürmer wert, die unsere Äcker fruchtbarer machen? Das hat aber Grenzen. Weil wir nicht jedem Lebewesen oder jeder Sache ein Preisschild umhängen können. Und da müssen wir uns vielleicht auf einen neuen Gedanken einlassen, der ein uralter ist, nämlich der, dass Natur mehr ist, als die Summe ihrer Teile.

Man versteht nicht, was ein Wald bedeutet, wenn man nur die Bäume zählt. Ein Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume, weil Leben mehr ist als die Summe aller existierenden Dinge. Das hat ja auch etwas mit Gefühlen zu tun. Jeder von uns, der sein Haustier mal mit wedelndem Schwanz auf einen hat zulaufen sehen, jeder der Rehe mal morgens auf einer Waldlichtung hat stehen sehen im Nebel, der kennt dieses Gefühl.

Es gibt Menschen, die das nicht empfinden. Die gibt’s auch. Denen kann man das wahrscheinlich auch nicht erklären. Aber jeder, der dieses Gefühl schon mal empfunden hat, der weiß intuitiv, dass Natur mehr Wert ist, als das, was man in Geld und Zahlen ausdrücken kann.

Schön ist auch, dass Sie das Wort Natur benutzen. Ich finde Umwelt klingt abstrakt.

Steffens: Nein, das ist ein zu technischer Begriff. Das Wichtigste ist, dass wir begreifen, dass wir ein Teil von Natur sind. In den Diskussionen, die wir in der Politik führen, da kriegt man den Eindruck: Da draußen gibt es die Natur und hier gibt es die Menschenwelt. Und wir müssen diese beiden Dinge miteinander ausbalancieren. Das ist ein völlig falsches Grundverständnis.

Weil das, was wir Menschenwelt nennen, das ist ja ohne Natur gar nicht möglich. Es gibt auch keine Börsenkurse, keinen Computerkonzern, es gibt kein Internet, wenn nicht irgendwo natürliche Ressourcen uns all das bereitstellen, was wir dafür brauchen. Und einfach mal sich wirklich klarmachen: Wir sind Teil eines einzigen Systems auf dieser Erde. Und wenn dieses System kaputt ist, dann sind wir mit kaputt.

Und deswegen können wir nicht abwägen und sagen: jetzt müssen wir uns erst einmal um die Arbeitsplätze kümmern und dann um die Umwelt. Wer sowas sagt, ist wirklich ein Holzkopf, weil er das ganz Grundsätzliche noch nicht verstanden hat.

Was ist denn Ihre liebste Idee?

Steffens: Meine liebste Idee ist, dass wir das innerhalb eines kapitalistischen, eines marktwirtschaftlichen Systems über eine kluge Preispolitik regeln. Wir stellen uns mal eine Welt vor, in der alles, was gut für die Umwelt ist, vergleichsweise preiswert zu kaufen ist, und alles, was der Umwelt besonders schadet, ziemlich teuer ist. Dann braucht man wahrscheinlich nur sehr wenige Gesetze, fast keine Verbote und keine Vorschriften, weil das normale Marktsystem, die normale Marktmechanik dafür sorgen würde, dass die Menschen sich bemühen, alles möglichst umweltfreundlich zu produzieren. Weil es dann auf dem Markt wettbewerbsfähiger wird.

Die Fragen stellte Bianca Schwarz.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 22.5.2020, 17:10 Uhr

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