Mit 14 Jahren schrieb Wolfgang Amadeus Mozart schon seine fünfte Oper, die erste "Opera seria". Und der Teenager gab sich alle Mühe, das schon etwas in die Jahre gekommene steife Korsett des italienischen "Dramma per musica" mit Leben zu füllen.

Mitridate - Stuart Jackson
Aspasia - Elísabeth Einarsdóttir
Sifare - Emőke Baráth
Farnace - Morten Grove Frandsen
Ismene - Sarah Aristidou
Marzio - Sebastian Monti
Arbate - Kari Dahl Nielsen

Concerto Copenhagen
Leitung: Lars Ulrik Mortensen

(Aufnahme vom 24. April 2022 aus der Königlichen Oper)

"Bevor die erste Probe mit dem Orchester gemacht worden, hat es nicht an Leuten gemangelt, die behaupteten, dass es unmöglich wäre, dass ein so junger Knab, und dazu noch ein deutscher, eine italienische Oper schreiben könnte". Aus Mailand - wo Vater und Sohn Mozart während ihrer ersten Italienreise 1770 einen beachtlichen Opernauftrag für das renommierte Teatro Regio Ducale an Land gezogen hatten - berichtet Leopold das in die Salzburger Heimat. Und die Schwierigkeiten und Widerstände gingen zunächst weiter: den Sängern passte dies und das nicht, ganze acht Nummern musste der junge Komponist austauschen, bis alle zufrieden waren.

Das Libretto nach einer Vorlage von Jean Racine - mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Grundkonstellation, dass zwei verfeindete Brüder die gleiche Frau lieben, die zudem die Verlobte ihres Vaters Mitridate ist - war auch nicht neu und drei Jahre zuvor schon in Turin vertont worden. Man wollte vermutlich sicher gehen und zur Not einen Ersatz bereit haben, falls der unerfahrene "Tedesco" nicht klarkam. Aber weit gefehlt: die Uraufführung im Dezember 1770 war ein großer Erfolg. Das Stück lief 20-mal in Folge und sicherte dem jungen Komponisten zwei weitere Mailänder Aufträge. Der "Mitridate" allerdings verschwand für gut 200 Jahre wieder in der Schublade. Was aber nicht verwunderlich war, sondern eher der Normalfall, denn vor allem in Italien lebte man damals nach der Devise: was interessiert mich die Oper der vergangenen Saison?

In Kopenhagen kam das Stück im letzten Frühjahr mit den Barockspezialisten vom "Concerto Kopenhagen" unter Lars Ulrik Mortensen auf die Bühne in einer Inszenierung des deutschen Regisseurs Ralf Pleger, die das Stück vor verwunschen-phantastischer Traumkulisse in ein "Theater der Körper" mit faszinierenden Slow-Motion-Effekten verwandelte und die tänzerische Umsetzung zumindest gleichwertig neben die Komposition stellte. Alle Secco-Rezitative wurden dabei gestrichen, was zwar das inhaltliche Verständnis nicht eben erleichtert, aber zu einem ungewohnten Fluss der fein ausgearbeiteten begleiteten Rezitative und Arien führt - und auch nur hörenderweise ein unerwartet erfrischendes Opernerlebnis beschert.

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 11.03.2023, 20:04 Uhr.