Ein Komponist, den niemand kennt, geschweige denn eine seiner Opern. Das kleine, aber feine Festival in Wexford an der irischen Südostküste hatte im vergangenen Herbst seinem Ruf gemäß wieder einmal Überraschendes zu bieten.

Olga - Andreea Soare
Serge - Andrew Morstein
Kouraguine - Giorgi Manoshvili
Sonia - Ava Dodd
Natacha / Schwester Therese - Emma Jüngling
Comtesse / Schwester Marthe - Dominica Williams
Pierre de Ruys - Philippe-Nicolas Martin
Le Grand Duc Grégorief - Rory Musgrave
Vassili / Neapolitanischer Sänger - Thomas Birch
Vier Damen - Ami Hewitt, Leah Redmond, Corina Ignat, Judith Le Breuilly
Tatiana - Hannah O’Brien
Danilo - Rory Lynch
Yvan - Gabriel Seawright

Chor und Orchester des Wexford Festivals
Leitung: Guillaume Tourniaire

(Aufnahme vom 25. Oktober 2023 aus dem O'Reilly Theatre)

"Woman and war" war das Motto des Festivals im letztes Jahr, und da passte Camille Erlangers "L’aube rouge" allerbestens ins Programm mit seiner im russischen Anarchisten-Milieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielenden Geschichte. Revolution oder Liebe ist (hier) die Frage und die Frau entscheidet sich - wer hätte es gedacht - für die Liebe, der Mann aber nach einigem Hin und Her für die Revolution mit den entsprechenden Folgen. Es nimmt für beide kein gutes Ende und die im Titel beschworene "Morgendämmerung" kommt etwas anders als erwartet: sie ist zwar rot, aber blutig und tödlich.

Camille Erlanger wurde 1863 in Paris geboren, studierte bei Léo Delibes und gewann 1888 - wie es sich für einen aufstrebenden jungen französischen Komponisten gehört - den "Rom-Preis". Danach ging es zunächst recht vielversprechend weiter, er hatte einigen Erfolg mit seinen Opern, schaffte es 1904 mit seinem "Fils de l’étoile" sogar bis in die altehrwürdige "Opéra". Danach verblasste der kleine Ruhm des Mannes allerdings schnell wieder und seine "L’aube rouge" wurde 1911 schon nicht mehr in Paris, sondern in Rouen uraufgeführt und alsbald gründlich vergessen. Was vielleicht auch am Libretto liegen mag mit reichlich Wendungen und Zufällen, die wohl nur auf der Opernbühne erlaubt sind.

Musikalisch ist Camille Erlanger durch die Schule der französischen Spätromantik gegangen, ein wenig Impressionismus weht ab und zu mit herein und bei Bedarf geht’s auch mal folkloristisch oder russisch-orthodox zu. Die Vertonung verläuft sehr schlicht und geradlinig entlang des Textes, hat weniger das große Ganze im Blick als die einzelne Szene und kippt deswegen gelegentlich etwas ins Episodenhafte - das allerdings recht effektvoll. "L’aube rouge" wird sicherlich auch gut 100 Jahre nach seiner Entstehung kein Repertoirestück werden, aber eine interessante Entdeckung nicht nur für ausgewiesene Opernfans ist es allemal.

Anschließend:
Mozart: Klaviersonate F-Dur KV 533/KV 494 (William Youn)

Sendung: hr2-kultur, "Opernbühne", 17.02.2024, 20:04 Uhr.