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Bühne für Bernhard: Schaurig-schönes "Kalkwerk"

Thomas Bernhard ist in Österreich weltberühmt - und derart umstritten, dass schon mal ein Misthaufen vor dem Burgtheater abgeladen wird. Seinen Roman "Das Kalkwerk" möglichst krass zu inszenieren, ist für Jan Friedrich insofern kaum ein Wagnis, da das Publikum im TiF, dem Theater im Fridericianum, Maskenhaftes und Verstörendes gewohnt ist. Hier ist dann auch alles extrem überzeichnet, künstlich bis kurz vor wahnsinnig, dazu musikalisch - eben ein echter Bernhard, der trifft - und frenetisch gefeiert wurde.

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Zauberflöte entzaubert

Nach 24 Jahren war die Oper Frankfurt der Meinung, für "Die Zauberflöte" wäre eine Neuinszenierung fällig. Wer's nüchtern mag und sich auf die Musik konzentriert, wird mit der Neuinszenierung zurecht kommen. Dem größten Teil des Publikums aber war der Zauber abhanden gekommen. Intensiv beklatscht wurde die fast durchweg gute musikalische Leistung, die Inszenierung wird dagegen wohl kaum die nächsten 24 Jahre halten.

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Als das Eis noch ewig war

Früher waren die Winter weißer, flüstert einem die Erinnerung ein. Doch der Klimawandel ist keine Selbsttäuschung. Er trifft die Polargebiete noch viel härter als unsere gemäßigten Breiten. Mit der Ausstellung "Ewiges Eis" dokumentiert das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg diese dahinschmelzende Schönheit. Und auch die menschlichen Kulturen, die sich auf das Leben im Eis eingestellt haben, sind bedroht.

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Wohngemeinschaft in der Angstspirale

Das Hochhaus, in dem Natalja Sinelnikowas Film "Wir könnten genauso gut tot sein" spielt, ist eine begehrte Wohnadresse. Das Leben dort verspricht alle Annehmlichkeiten und vor allem Sicherheit. Der Preis dafür ist, das Hochhaus nicht mehr verlassen zu dürfen. Doch als ein Hund spurlos verschwindet, steigern sich die Bewohner in eine Angstpanik hinein und gründen eine Bürgerwehr. Natalja Sinelnikowa ist mit ihrem Debütfilm eine Parabel auf das Leben in Deutschland gelungen.

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Dreimal Familienbande(n) in der Gegenwartsliteratur

Drei Romane standen auf dem Programm: "Lügen über meine Mutter" von Daniela Dröscher, "Triskele" von Miku Sophie Kühmel" und "Schlesenburg" von Paul Bokowski. Ist Humor ein Integrationshindernis? Inwieweit taugen familiäre Bande, um soziale Solidarität in einer Gesellschaft zu stiften, die mit ihren Zumutungen die familiären Strukturen gefährdet? Ein Abend voller Tiefenbohrungen in das Familienleben - welche Erkenntnisse zieht unser Mann im Publikum daraus?

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Reise zum geheimen Mittelpunkt menschlichen Lebens

Was treibt uns an? Fortschritt, Selbstliebe oder der kollektive Weg in den Untergang? Erfolgsautor David Byrne stellt diese Kern- und Urfragen anhand der Geschichte des Menschen - eine Antwort gibt sich jeder am besten selbst, wenn er sich während "Secret Life of Humans" portraitiert und ertappt fühlt.

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Künstlerin, Puppe und Kurtisane

Mit "Les Contes d'Hoffmann" verneigt sich Komponist Jacques Offenbach vor dem Schriftsteller E. T. A. Hoffmann. Der träumt von der Sängerin Stella, die er in drei Männerphantasien beschwört: als Künstlerin, Puppe und Kurtisane. In der Inszenierung am Staatstheater Kassel werden die drei Rollen konsequenterweise wieder in einer Person zusammengezogen, die von Judith Spießer gespielt wird. Musikalisch überzeugte dabei das gesamte Ensemble.

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Zeitlos traurig: Anton Tschechows "Onkel Wanja"

Am Ende rieselt leise der Schnee, vorher klagen Onkel Wanja und seine kleine Gesellschaft ausführlich darüber, dass ihr Leben keinen Sinn habe, Düsternis sich auf alles lege und die kleinen Freuden des Lebens etwas, aber viel zu wenig Trost böten. Tschechow liefert ein Stimmungsbild nicht nur seiner Zeit und die atmosphärisch sehr überzeugende Regie von Jan Bosse macht deutlich, dass diese russische Melancholie sich fortpflanzt - mit einem Schlussbild, das den Kritiker hingerissen hat.

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Präzise Lieder von Verlust und Verschwinden

Wie gehen wir mit dem Verlust um, mit dem Verschwinden - persönlich wie gesellschaftlich? Das fragt Helgard Haug von der Gruppe Rimini Protokoll in ihrem neuen Stück "All right. Good night". Darin verschränkt sie die Geschichte eines verschwundenen Passagierflugszeugs mit der Demenzerkrankung ihres Vaters. Entstanden ist ein berührender, kluger, präzise gearbeiteter Theaterabend, der vielschichtig von Orientierungsverlust erzählt und von Trauer.

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Einfach gut: Hansens "Mittagsstunde" im Kino

Wer den Roman von Dörte Hansen gerne gelesen hat, wird von der Verfilmung von Lars Jessen nicht enttäuscht. Sie verdichtet und rafft den Stoff, streicht Nebenhandlungen und -figuren und konzentriert sich auf die Atmosphäre der Geschichte - einfühlend und mit sprechenden Bildern vom Strukturwandel einer Region und was er mit den dort lebenden Menschen macht. Besetzt mit herausragenden Schauspielerinnen und Schauspielern. Reingehen!

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So spannend wie Hitchcock: Getanztes "Vertigo"

Premieren in Darmstadt: Das Hessische Staatsballett zeigte die Choreografien "Skid" von Superstar Damien Jalet und "I’m afraid to forget your smile" der Geschwister Imre und Marne van Opstal. Der Hunger des Publikums nach mitreißendem Tanztheater wurde voll und ganz gestillt, der Titel "V/ertigo" versprach und lieferte schwindelerregende Bilder. Der emotionale Ausdruck wurde vom gewagten Bühnenbild und einem Chor unterstützt, unsere Kritikerin war ebenso begeistert wie alle im Großen Haus.

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Grusel als Gesamtkunstwerk - Improvisation zu "Nosferatu"

Stumme Schwarzweißbilder von 1922, düstere Landschaft und unheimliche Gebäude, übertrieben geschminkten Schauspieler, Max Schrek mit seinen spitzen Zähnen, Ohren und Fingern, dazu Live-Musik - das geht unter die Haut! Beim Festival "Fratopia" der Alten Oper Frankfurt nehmen Jazzpianist Michael Wollny, Bassist Christian Weber und das Norwegian Wind Ensemble Friedrich Wilhelm Murnaus "Symphonie des Grauens“ wörtlich und entfalten zu neunt gruselige sinfonische Klanggewalten.

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Kreisen, Figuren, Augen: Nay in Wiesbaden

Der Mensch in der Natur zieht sich als Roter Faden durch sein Oevre - und das kraftvolle Spätwerk von Ernst Wilhelm Nay nimmt ihn nach dem Krieg wieder auf. Die Bilder zeigen überwältigend, wie dieser Maler sich treu blieb und dadurch bis heute überzeugt. Eine kluge und vom Entstehungsdatum unabhängige Hängung unterstreicht, wie organisch alles miteinander verbunden ist.

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Alle reden übers Wetter - aber wieso eigentlich?

Annika Pinske hat als Assistentin bei Maren Ade gearbeitet, jetzt präsentiert sie ihren ersten eigenen Film. Clara hat es geschafft, der ostdeutschen Provinz zu entfliehen, arbeitet in Berlin an ihrer philosophischen Doktorarbeit. Hier hinterfragt sie Sprache auf ihre Bedeutungen. Umso mehr gehen ihr die Gespräche in der Heimat auf die Nerven, die darauf angelegt sind, bedeutungsfrei zu sein.

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Wimmelei mit Ankerpunkten: Michael Wollny went Bauhaus

Die große Bühne und der riesige Magier: Michael Wollny hat in der Alten Oper zum Saisonauftakt eine Sound-Performance geliefert, die unsere Frau im Publikum als "enormes Klanggewebe" bezeichnet. Mit Klavier und jeder Menge Zubehör wie berstenden Weingläsern und leuchtenden Regenschirmen hangelte er sich durch die Musikgeschichte, alles enorm verfremdet - aber nie befremdend. Jazz vom Feinsten!

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Live oder Stream? Welche Konzerte wirken wie?

Doppelt gemoppelt: Die Kammerphilharmonie Frankfurt spielte im Saal, im Raum daneben wurde das Konzert live übertragen. Warum? Zuschauer sollten wandern, wechselweise lauschen und genießen. Forschende am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik wollen herausfinden, wie es wirkt, wenn man den Musikern direkt zuschauen kann oder von Kameras Bilder geliefert bekommt. Schnapsidee? Nein, Wissenschaft!

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Portraits von Tieren und Menschen

Das Landesmuseum Darmstadt zeigt Portraits von Walter Schels. Er fotografiert immer von vorne, vor einem schwarzen Hintergrund, verzichtet auf eine dramatische Ausleuchtung. Seine Bilder, die er in Lebensgröße abzieht, sind immer schwarz-weiß. Das hat Walter Schels den Ruf eingebracht, einer der besten Portraitfotografen des Landes zu sein. Und mit demselben Ernst widmet er sich den Portraits von Tieren oder einer verblühenden Artischocke.

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Die Jugend von heute? Na, sie macht Musik in Perfektion!

Das Landesjugendsinfonieorchester Hessen zeigt, was es nach den vielen Übungsstunden im Sommer kann: Ravel, Tomasi und Brahms standen auf dem anspruchsvollem Programm vor vollem Saal im Schlitzer Schloss - und der Klang überzeugte. Insbesondere das jazzige Trompetenkonzert von Henri Thomas mit dem Solisten Sebastian Berner kündete von der Professionalität eines Klangkörpers und seiner Mitglieder. Unbedingt hingehen und zuhören!

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Russische Schwermut in der Oper Frankfurt - Bravo!

Ein rein russischer Liederabend mit Liedern von Tschaikowski und Rachmaninow - das ist ungewöhnlich. Und die litauische Sopranistin Asmik Grigorian - die zweisprachig aufgewachsen ist - ist die ideale Besetzung dafür. Grigorian kommt von der Oper her, aber sie kann auch Lieder vortragen, ohne mit der Theatralik zu übertreiben. Der Pianist Lukas Geniušas ist ihr idealer Begleiter. Und so kommt die Schwermut der legendären "russischen Seele" voll zur Geltung. Das Publikum? Ergriffen und in Raserei!

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Wie unermüdliche Bienen: Die mutigen Frauen in "Hive"

"Nach einer wahren Geschichte" erzählt der Film von Witwen aus dem Kosovo, die sich gegen die patriachalen Traditionen entschließen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Wie eine Dokumentation, ohne drastische Bilder und ohne dramatische Musik, kommt diese bewegende und ermunternde Liebeserklärung an den Mut der Unternehmerinnen daher. Der Blick in die Gesichter zeigt: Wir Arbeiterinnen im Bienenstock lassen uns durch nichts bremsen!