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Ein Landratsamt als bestes Gebäude?Ja, freili!

Seit 2007 vergibt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt Preise für herausragende Gebäude, die zukunftsweisend sind. Es geht stark um Nachhaltigkeit: Nicht abreissen und neu bauen, sondern umbauen und weiterbauen! Das Landratsamt von Starnberg ist der Sieger 2023, am See im Grünen gelegen, kammartig gebaut, aufgeteilt in Pavillons, die zusammenhängen. Architekt Fritz Auer hat den Kaiserpalast von Kyoto zum Vorbild genommen: Groß, aber ganz leicht gebaut, offen und mit modernster Technik. Richtungsweisende und anregende Bauten zeigt die Ausstellung, öffentliche und private Bauherren sollten sie sehen und beherzigen.

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Die Glühbirne des Wahnsinns

In Händels Oper "Orlando" hat der Titelheld die Qual der Wahl: Liebe oder Krieg. In der Inszenierung von Ted Huffman an der Oper Frankfurt nimmt das Stück erst im zweiten Akt an Fahrt auf. Orlando wird von der Mezzosopranistin Zanda Švēde gesungen, die manchmal Mühe hat, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Und damit das Publikum nicht den Faden verliert, leuchtet eine Glühbirne auf, wenn Orlando sich im Liebeswahn verliert.

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Zehn seltsame Gefühle oder: Zu schön um wahr zu sein

Das Schauspiel Frankfurt und die Dresden Frankfurt Dance Company zeigen in "10 odd emotions" von Saar Magal Rituale der Demütigung und Unterwerfung: 20 Tanzende verhüllen mit Stoff die Köpfe, beginnen eine Sex-Gewalt-Orgie mit brutalsten Video-Szenen. Das wirkt gespenstisch, unpersönlich, ja verharmlosend: Der Anspruch, Tanztheater gegen "das Böse" zu machen, zerstiebt in einer Art Leni-Riefenstahl-Ästhetik. Applaus für Folter, Vergewaltigung und Hinrichtungen? Merkwürdig, denn ein Ausweg aus den Spiralen fehlt.

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Dieser kleine Film ist ein Juwel!

Schon mal einen Film aus Myanmar gesehen? Der Dokumentarfilm "Midwives" der Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing erlaubt einen Blick in das Alltagsleben an der Westküste, wo neben der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung auch muslimische Rohingya leben. Zwei Hebammen müssen dort an einer Klinik zusammenarbeiten; die eine ist Buddhistin, die andere Muslima. Sie sorgen dafür, dass die weitgehend rechtlosen Rohingya wenigstens medizinisch versorgt werden.

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Sinnlich und berührend: "Rusalka" in Wiesbaden

Das Märchen von der Meerjungfrau, die aus dem Wasser kommt, wird oft gespielt. Hier singt Olesya Golovneva die Titelpartie (sie führt mit Daniela Kerck gleichzeitig Regie) - und wir erleben DIE Rusalka schlechthin: Die Golovneva singt weich und sinnlich, rührt uns und sich selbst am Ende zu Tränen. Dazu sinnvolle Videos und ein Orchester, das diese komplexe Musik beherrscht - Dvoraks Oper über eine Frau, die ihren Gefühlen nachgeht und in ihrer Ver(w)irrung den Tod bringt, ist eine unbedingte Empfehlung!

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Uraufführung krass, heftig und berührend

Vito Žuraj hat im Auftrag der Oper Frankfurt "Blühen" nach einer Erzählung von Thomas Mann komponiert. Aurelia verliebt sich in einen jungen Mann, der ihr Sohn sein könnte. Eigentlich glaubte sie sich schon in der Menopause, erlebt aber wieder eine Regelblutung. Was für sie zunächst ein Zeichen des Glücks ist, stellt sich als Zeichen einer unheilbaren Krankheit heraus. Die komplexe Musik wird vom Ensemble Modern gespielt; als Sängerin ragt Bianca Andrew hervor.

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Getanzter Generationenkonflikt: - "She She Pop" im Mousonturm

Die Produktion "Dance Me!" ist aufgebaut wie eine Gameshow: Hier fünf Mitglieder des Kollektivs, alle um die 50; dort fünf Performer, 30 Jahre jünger. Eine Gruppe macht Musik, die andere tanzt eine festgelegte Zeit lang dazu. Wer zu viel Energie verloren hat, stirbt den Theatertod. Unsere Kritikerin hat keine Lösung im rasanten und aufrüttelten Geschehen ausmachen können, aber: Geht es bei dem Konflikt nicht immer auch um die Übergabe von Verantwortung?

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Sein oder Nichtsein, Leben oder Sterben?

Die polnischen Filmemacher Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski portraitieren die "Generation Maidan", also jene Ukrainerinnen und Ukrainer, die nach 1989 geboren wurden, die von den Protesten in Kiew und den russischen Aggressionen in der Ostukraine ab 2014 geprägt sind. Das Projekt entstand vor dem 24. Februar 2022 - ein intensiver Dokumentarfilm über junge Menschen, die heute im Krieg stehen, wie man im Abspann erfährt. Damals noch waren sie kreativ und voller Zuversicht - und entschlossen zum Kämpfen. Diese wichtige Doku verschafft Einblicke, schockiert und ist keine leichte Abendunterhaltung.

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Getanzte Philosophie: Stille, Chaos, Welterkenntnis

Die Uraufführung von "Where we are @" ist die erste Gießener Arbeit von Constantin Hochkeppel, dem neuen künstlerischen Leiter der Abteilung Tanz. Seine Visitenkarte ist die Ästhetik der "Physical Art", hier zeigen die sieben Tanzenden atemberaubende Akrobatik der Leichtigkeit, dazu sprechen sie: Wo kommen wir her, was macht uns als Menschen aus, was haben wir aus dem Planeten Erde gemacht? Insgesamt eine geräuschhafte, flirrende, rhythmische Inszenierung - alles gerät irgendwie aus den Fugen, eineinhalb Stunden lang, ohne Pause, sehr eindrucksvoll!

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Rhythm wie geRitz-t! Ulrich Tukur und seine Jungs

Oh, hr-Tatort-Kommissar Murot singt auch? Aber ja: Ulrich Tukur bringt schon seit 1995 Tanzmusik und Eigenkompositionen im Stil der 20er- bis 40er-Jahre auf die Bühne! Und da ist jemand absolut in seinem Element, hier schlüpft er nicht in eine fremde Rolle – er lebt seine große Leidenschaft aus: Swing, Rumba, Foxtrot: Alles dabei, inklusive Stapstick und Selbstironie. Tolle Stimmung im Staatstheater von Anfang an, bis zum Schluss, als es nach den Zugaben Standing Ovations gab.

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Ur-menschlich: Roberto Cuoghi verstört in Kassel

Das Fridericianum in Kassel stellt regelmäßig international beachtete Künstler vor, die in Deutschland bislang nicht zu sehen waren, jetzt Roberto Cuoghi. Der Italiener beschäftigt sich intensiv mit Materialien, etwa Keramiken und Abgüssen, und lässt eine Klanginstallation ohrenbetäubend erschallen. Er blättert quasi in geistigen und ästhetischen Bedeutungsschichten - eine schockiernde und anstrengende Werkschau, die eine gewaltige Erfahrung darstellt. Man braucht einige Zeit, um sie auch  nur annähernd zu erfassen.

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Vom Wert iranischer Frauenleben

Doppelmoral beim Thema Prostitution ist wahrlich keine iranische Spezialität. Was sich Regisseur Ali Abbasi in dem Film "Holy Spider" vornimmt, hat sich im Iran wirklich ereignet: Ein Serienmörder tötet in der Heiligen Stadt Maschhad 16 Prostituierte. Die Presse nimmt nur am Rande Notiz, doch im Volk wird der Mörder zunehmende als Held gefeiert, der mit dem "Schmutz" aufräumt, häufig von denselben Menschen, die die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen. "Holy Spider" ist von Dänemark für den Oscar nominiert worden.

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Gershwin mit vier Klavieren und Hupe

Selbst in der Alten Oper Frankfurt ist es kein gewöhnlicher Anblick, dass vier Steinway-Flügel auf der Bühne stehen. An ihnen demonstriert das "Gershwin Piano Quartet" aus der Schweiz, was Schweizer unter Demokratie verstehen: Virtuos spielen sie einander die Bälle zu, jeder darf auch mal als Solist glänzen, jeder darf mal als Conférencier auftreten, keiner spielt sich in den Vordergrund. Und aus den Flügeln dringen weitere Ton-Effekte, darunter eine Hupe.

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Die Wiesbadener Australien-Connection

Auf die Idee muss man erst mal kommen: Das Staatstheater Wiesbaden schreibt jährlich einen Gesangs-Wettbewerb in Australien aus. Als erster Preis winkt ein Engagement in Wiesbaden. Die Ergebnisse sind mehr als überzeugend. Der diesjährige Preisträger, der Bassbariton Darcy Carroll, lud zu einer Lieder-Soiree. Und obwohl das Publikum schon älteren Jahrgangs war, versetzte Carroll es in Ekstase.

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Wer mit dem Fagott tanzt

Das Programm des Neujahrskonzerts in Büdingen des Landesjugend-Sinfonieorchesters war nah am Wasser gebaut: Da fließt "Die Moldau" von Bedřich Smetana, glitzert "La mer" von Claude Debussy oder "Der verzauberte See" von Anatoli Ljadow. Auch das Zusammenspielt mit einem Solisten -- hier dem Fagottisten Theo Plath -- gelang den jungen Sinfonikern perfekt. Die Willi-Zinnkann-Halle in Büdingen ist eine Mehrzweckhalle und dementsprechend akustisch schwierig, aber wer professionell Musik spielen will, muss auch mit solchen Umständen umgehen lernen.

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Alte Meister im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit

In der Ausstellung "Alter Meister" in der Kunsthalle Darmstadt fragt der Künstler Thomas Sturm nach dem Verhältnis von Original und Reproduktion. Er fotografiert zum Beispiel in einem Museum Bilder Alter Meister, druckt sie auf Leinwand und überstreicht sie mit so genannter Malbutter, die das Bild wie durch einen Nebel erahnen lässt. Und dann nimmt er sich das Recht heraus, das neue Bild mit großem Pinselstrich zu signieren. Ist das nun ein Original, eine Reproduktion, oder doch ein neues Original?

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Und ewig grüßt die Russendisko

Wer ein Buch von Wladimir Kaminer kennt, kennt im Prinzip alle, denn stets plaudert Kaminer fröhlich über das Leben im allgemeinen und das seiner russischen Familie im besonderen. Natürlich geht es im neuen Buch "Wie sage ich es meiner Mutter" auch um seine Mutter, aber das tat es auch schon in seinen anderen Büchern. Wer sich tiefe Einblicke in die russische Seele erhofft, liegt bei Kaminer falsch, dagegen erfährt man viel über die so fremdartige deutsche Gesellschaft.

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Wo das Eis brennt

Aurora kommt aus einer Welt ganz in weiß und entdeckt die farbenfrohe Welt der Menschen. Das ist das Thema der neuen, spektakulären Eisshow "A new day", die "Holiday on Ice" in der Frankfurter Festhalle präsentiert. Unser hr2-Kritiker Meinolf Bunsmann kaum aus dem Staunen über die Körperbeherrschung der Artisten und ihre fantasievollen Kostüme nicht mehr heraus. Und einmal brannte sogar das Eis.

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Ende einer Freundschaft

Bürgerkriege sind die schlimmsten aller Kriege. Das gilt auch für den Irischen Bürgerkrieg von 1922, als die Iren sich über die Frage zerstritten, ob sie unabhängig werden sollten um den Preis, den Norden der Insel zu verlieren. Der Film "The Banshees of Inisherin" spielt auf einer fiktiven westirischen Insel, wo ein Freund wegen dieser Frage dem anderen die Freundschaft aufkündigt. Überragend sind dabei die beiden Schauspieler Brendan Gleeson (Foto) und Colin Farrell.

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Mithras - ein römischer Gott voller Rätsel

Man stelle sich vor, vom Christentum gäbe es keine heiligen Texte mehr. Und Archäologen würden nur noch Kreuze mit einem angenagelten Mann im Boden finden. Was würden sie wohl daraus rekonstruieren? So ähnlich ist die Lage beim römischen Mithras-Kult. Texte gibt es fast nur als Polemiken von christlichen Gegnern, dafür jede Menge Darstellungen eines Gottes, der einen Stier tötet. Das Archäologische Museum Frankfurt zeigt eine Ausstellung über einen Kult, der gerade bei uns in der germanischen Grenzregion besonders stark war.