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Meister der Düsternis: Marc Chagalls Vermächtnis

Ach, Chagall, der Maler mit den fröhlich-hellen Bildern! Nein: In der Schirn hat man zusammengetragen, was er an (ihn und die Welt) Bedrückendem geschaffen hat. Höhepunkt der Ausstellung ist das große Panoramabild "Der Engelssturz", das in über 20 Jahren entstand: Der Hintergrund schwarz, dunkelblau, ein Rabbi, der eine Thorarolle in Sicherheit bringt, die Madonna mit dem Kind - und der das Bild beherrschende blut- und feuerrote Engel, der kopfüber vom Himmel stürzt. Bilder, die man nicht vergisst!

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Angehörige stören nur bei der Polizeiarbeit

Mit dem Film "Wir sind dann wohl die Angehörigen" erinnert Hans-Christian Schmid an die Entführung von Jan Philipp Reemtsma 1996. Noch nie ist in der Geschichte der Bundesrepublik soviel Lösegeld gezahlt worden. Was in der Berichterstattung unterging, war die Perspektive der Angehörigen. Der Sohn Johann Scheerer korrigierte das mit einem Buch. Mutter und Sohn mussten damals reihenweise Fehler der Polizei erleiden, und erst als sie selbst die Initiative ergriffen, konnte Vater Reemtsma befreit werden.

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Auf der Suche nach dem unperfekten Bauchtanz

Welche künstlerische und politische Kraft steckt in Bewegungsformen, welches Potenzial liegt in Stilen, die auf der künstlerischen Landkarte kaum präsent sind? Das Tanzfestival Rhein-Main lotet das aus. Choreografin Tümay Kılınçel erinnert an orientalische Tänze, die "Raqs Sharqi". Die Tanzenden lassen uns teilhaben am Ausprobieren und Kombinieren, ihr Stück ist nicht abgeschlossen, sondern wirkt oft porös, fragil, vorläufig. Also nimmt unsere Zuschauerin teil an dieser Suche. Spannend!

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Vorsicht, wilder Heinrich! Barock'n'Roll in Kassel

Das Berliner Theaterkollektiv Nico and the Navigator bringt zum 350. Todestag von Heinrich Schütz mit "Fleisch & Geist" Musik und Theater, Tanz und Performance auf die Bühne des Staatstheaters. Das Ensemble denkt in diesem "Projekt zwischen Andacht und Begehren" die Musik des Frühbarocks anders und ins Heute weiter, elektrische Gitarren inklusive. Die Produktion kann berühren und unterhalten – und man kann dabei durchaus die Orientierung verlieren. Aber warum auch nicht?

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"Die Partei, die Partei, die hat immer recht!"?

Um "Die schmutzigen Hände" von Jean-Paul Sartre am Schauspiel Frankfurt zu verstehen, muss man sich die historischen Umstände vergegenwärtigen. 1948, als das Stück uraufgeführt wurde, tobte ein Richtungskampf in der Kommunistischen Partei. In Sartres Stück soll der junge Aktivist Hugo den Parteiführer Hoederer ermorden, weil der Kompromisse auch mit Konservativen sucht. Schon die Dialoge von Sartre wirken arg papieren, und die Aufgabe der Schauspieler wird nicht dadurch leichter, indem die Regisseurin sie in Masken zwängt.

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Es lebe der freie Schlittschuh!

Das siebte Tanz-Festival Rhein-Main (bis 13. November) hat in Darmstadt mit einem erstaunlichen Eiskunstballett begonnen: "Le Patin Libre" heißt die Truppe aus Kanada, "der freie Schlittschuh". Das Programm "Murmuration" würdigt den Vogelschwarm, in dem jeder frei ist und sich doch koordinierte Figuren ergeben. Ohne Paillettenkleider oder Kostüme zeigen 14 Menschen auf dem Eis gesellschaftlich relevante Bilder von Vereinzelung und Miteinander, hochkonzentriert und spielerisch zugleich. Eine unbedingt sehenswerte Performance!

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Der Weg ist das Ziel

Wenn ein Orchester auf Tournee geht, hat es normalerweise ein festes Programm eingeübt. Nicht so das "Freiburger Barockorchester". Auf seiner Deutschlandreise von Freiburg bis nach Potsdam führt es an jedem Ort Musik auf, die im Barock dort gespielt oder sogar komponiert worden ist. Bei der Station in Frankfurt lag natürlich ein Programm mit Musik von Georg Philipp Telemann nahe. Und aufgeführt wurde die Musik dort, wo Telemann auch Kapellmeister war, nämlich in der Katharinenkirche.

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Naa, wer geht denn hier in die "Mausefalle"?!

Die Wiederverfilmungen klassischer Krimi-Stoffe, so zeigen Hercule-Poirot-Filme mit Kenneth Branagh, liegen im Trend. "See How They Run" heißt die US-amerikanische Krimikomödie, die mit großem Staraufgebot in den deutschen Kinos startet. Schauplatz und zeitlicher Rahmen: Ein Londoner Westend-Theater Anfang der 1950. Das ist mehr als ein Re-Make, das ist ein Film für ein Publikum, das Spaß an witzigen pointierten Dialogen hat.

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Feuer und Finsternis: Büchners "Danton" in Gießen

Das Drama über das Scheitern politischer Ideologien sucht Antworten auf die Frage, was Freiheit ist - insofern ist es hochaktuell. Büchner hat es innerhalb von wenigen Wochen Anfang 1835 geschrieben, Robespierre führt darin die Revolution an und fordert – angeblich zum Wohle des Volkes – immer mehr Opfer. Die Zweifel von Danton manifestieren sich am Stadttheater in eindrucksvoller Weise.

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Große Bühne für ein großes Werk

César Franck wird heute - sogar in seinem 200. Geburtsjahr - selten gespielt. Bei seinem größten Werk, dem Oratorium "Les Béatitudes" liegt das auch an dem Aufwand, den es erfordert. In der Alten Oper Frankfurt versammelten sich am Sonntag dazu der Cäcilienchor Frankfurt, der Bachchor Heidelberg, die Staatskapelle Weimar sowie acht Solisten. Und auch wenn die Staatskapelle gelegentlich zu laut spielte, wurde es ein großer Abend.

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James Joyce und der ewig wandernde Odysseus

Der Roman "Ulysses" beschreibt in 18 Episoden einen einzigen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Leopold Bloom. In Anlehnung an Homers Irrfahrten des Odysseus lässt er Bloom durch Dublin streifen, während seine Ehefrau (anders als Odysseus‘ treue Penelope) zu Hause ihren Liebhaber empfängt. "Ulysses" wurde zum modernistischen Klassiker, weil er auf radikale Weise mit neuen Erzählformen experimentiert. Die Ausstellung im IG-Farben-Haus führt an 22 Stationen ins Leben des Autors ein und vermittelt spannende Informationen zu Werk und Hintergründen des Entstehens, aber auch über Joyces Familie. 

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Hommage an das Satire-Zentralorgan

Das Caricatura-Museum Frankfurt erinnert an "Pardon", einst die Satire-Zeitschrift mit der höchsten Auflage in Europa. Erich Kästner schrieb für die "Pardon", Hans Magnus Enzensberger und Werner Finck. Das erste Titelbild stammte von Loriot. Das Logo - ein kleiner Teufel - wurde von F. K. Waechter gezeichnet. Beim Gang durch die Ausstellung fällt auf, dass viele Witze auch heute noch aktuell sind -- etwa wenn Willy Brandt während der Energiekrise dick eingemummelt den nächsten Winter fürchtet.

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Dokumentarisch das Geheimnis des Vaters gelüftet

Der Film von Uli Decker gewann beim Max-Ophüls-Festival, erzählt in Bildern und Interviews von einem Mann, der in den 1970/80er Jahren in Frauenkleidern durch München ging. Dass das der Vater der Regisseurin war, dass diese Vorliebe keinesfalls bekannt werden durfte und dass außer der engsten Familie niemand davon wusste, geht unter die Haut. Ein Film, der gegenwärtiger nicht sein kann. Uli Decker grüßt damit auch die bayerische Schul-Lehre schön, nach der - bis heute - nur Heterosexualität zählt.

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Eine lebende Legende und ein mutiges Festival

Alfred Brendel ist einer der großen Pianisten der 20. Jahrhunderts und sein humorvoller Vortrag über Goethe und Beethoven versprühte genau den Esprit seines früheren Spiels. Mit 91 wird er nicht müde, Talente zu fördern, so das junge Frankfurter Eliot-Streichquartett, daher sein Auftritt. Das muntere Kleeblatt spielt sechs (!) Mal innerhalb einer Woche, zum Auftakt Beethovens Opus 130: Virtuos, pointiert, verspielt, voller Freude. Hörenswert!

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Fidelio in einem gelungenen Regiedebüt

Evelyn Herlitzius hat die Rolle der Leonore in Beethovens "Fidelio" bereits häufig gesungen. Am Staatstheater Wiesbaden wagt sie sich nun an die Inszenierung, wobei ihre große Erfahrung als Sängerin spürbar wird. Dabei unterstützt sie das Orchester unter Will Humburg, das verdientermaßen großen Applaus erhielt. Und leider bleibt das Thema der Tyrannenmacht von Beethovens einziger Oper auch nach 200 Jahren noch aktuell.

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Die Welt, wie sie arm und öde ist: Gauri Gill zeigt sie

Die indische Fotografin hat in der Frankfurter Kunsthalle Schirn ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland. Seit über zwei Jahrzehnten erkundet sie das Leben und den Alltag der ländlichen Bevölkerung in Indien - abseits der urbanen Zentren. Die Bilder haben nach Ansicht unserer Kritikerin etwas biblisches; das Leben in diesem Land, in der Wüste ist uns fern und fremd. Gleichzeitig knüpft die Fotografin Vertrauen zwischen den Menschen dort und uns Betrachtern.

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Die Dekadenz der Superreichen

Ruben Östlund hat's wieder geschafft: Schon zum zweiten Mal wurde er auf dem Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, diesmal für "Triangle of Sadness". Der Vorgang ist bemerkenswert, denn mit der vehementen Kapitalismus-Kritik seines Films müsste sich die Schickimicki-Gesellschaft in Cannes eigentlich mitgemeint fühlen. hr2-Kritikerin Hadwiga Fertsch-Röver lobt die analytische Schärfe im ersten und dritten Teil, musste bei den Ekel-Szenen aber auch gelegentlich wegschauen.

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Dominik Graf, der Uneitle - Gespräch unter Freunden

Er gilt als einer der ambitioniertesten Regisseure des deutschen Films und insbesondere des Fernsehens. Gerade 70 geworden, hat er jetzt mit Hauke Hückstädt, dem Leiter des Frankfurter Literaturhauses, einen intensiven Abend bestritten, der tiefe Einblicke in seinen Anspruch erlaubte. Ein Filmemacher ohne Allüren und ein Fragesteller, der aufs Beste vorbereitet und umso engagierter war!

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Schräg, schräger, "Gefährliche Operette" in Gießen!

Na, das war wieder ein textlich und musikalisch gewagtes Stück, das die mutige Intendanz bestellt hat: Gordon Kampe hat Texte von Sibylle Berg, Wiglaf Droste, Schorsch Kamerun, Marc-Uwe Kling zusammengewürfelt - eine sehr unterhaltsame Kakophonie der Klänge kam heraus, witzig, was Regisseurin Elena Tzavara aus dieser hochmodernen Operette zaubert: Verwirrend, erfrischend, toll!

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Mit Country-Musik in den Weltuntergang

Wer nicht glaubt, dass Oper wirklich alles kann, sollte sich "Burt Turrido" im Bockenheimer Depot in Frankfurt anschauen. Das "Nature Theater of Oklahoma" führt dort eine komplette Oper mit Country-Musik auf. Und verhandelt dabei ein deprimierendes Thema auf durchaus vergnügliche Art: Die Erde, wie wir sie kennen, ist untergegangen. Nur auf Grönland ist ein Flecken Festland übrig geblieben.